Mittwoch, 25. Mai 2016

Marguerite Poréte (1250/60-1310) - Aufbruch in die Freiheit

Am Beginenhof Kortrijk (Courtrai)
 in Belgien / nördlich von Lille
(Wikipedia.en)
Die im nordfranzösischen Hennegau (Hainaut) in der Nähe von Valenciennes geborene kompromisslose Mystikerin Marguerite Porète gehört bereits zur Beginen-Bewegung am Niederrhein und in Flandern. Ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“, eines der beliebtesten Meditationsbücher des Mittelalters, wurde zwar als Ketzerbuch verbrannt, verbreitete sich jedoch als anonymes Buch ungeheuer rasch und weit. Marguerite Porète selbst wurde unter großer Anteilnahme der Pariser Bevölkerung 1310 in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Aus Kap. 35: Dialog von Seele und Verstand
Handschrift, unbekannter  frz.  Kopist
15./16. Jh., Manuscript Chantilly,
Musée Condé
(Wikipedia),

Schematische Darstellung
 des INNEREN WEGES
im „SPIEGEL
der EINFACHEN SEELEN“
      Nach und teilweise zitiert aus:
Porète, Margareta: Der Spiegel der einfachen Seelen.
Wege der Frauenmystik.

Aus dem Altfranzösischen übertragen und mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Louise Gnädinger.
Zürich/ München: Artemis 1987, S. 237-239
     Ausgangssituation ist der Sündenzustand: Veränderungen auf dem Weg
zum Gnadenleben
     1.    Zustand im Gnadenleben           
--- der Todsünde absterben (mors mystica 1)              
--- die Gebote halten         
--- Leben gemäss der Natur, nach dem Gesetz,
     nach dem Rat der Menschen
    2.    Zustand im Gnadenleben           
--- der Natur absterben (mors mystica 2)      
--- Leben gemäß den Tugenden    
--- Leben im Verlangen, in der Sehnsucht     
--- Leben nach dem Vorbild Jesu Christi (nach seinem irdischen Leben) 
--- Leben nach den evangelischen Räten (Bergpredigt)

      --- Leben nach einer monastischen Regel, in geistlichen Übungen        
--- Leben nach dem Geiste, d.h. in der Bemühung um geistiges
     bzw. geistliches Leben (von der Vernunft und dem Willen bestimmt).

     In diesem Stadium des spirituellen Weges erkennt die Seele ihren eigenen Zustand erst notdürftig (1. Zustand), jedenfalls ganz unzulänglich (2. Zustand), denn sie hält sich selbst immer noch für etwas. Sie misst ihrem Eigensein, das in Wirklichkeit gar kein eigentliches Sein, sondern lediglich ein Seinhaben, eine aus Herablassung und Huld, nicht etwa aus Schuldigkeit, gewährte Teilhabe am wesentlichen Sein ist, noch eine falsche Bedeutung bei. In Wirklichkeit ist die Seele in diesem Zustand im Nichtsein, also ein Nichts; sie ist verloren (da sie einst im Sein war), zugrunde gegangen (périz). Sie bleibt verloren, wenn sie durch falsche Selbsteinschätzung, durch Eigenwillen und selbstüberhebliche Anmassung dabei verharrt.
3.    Zustand im Gnadenleben           
Gefallen finden an den sogenannten guten Werken und den Werken der Vollkommenheit.           
Dieses Gefallen jedoch ist bestimmt von Selbstbezogenheit und Eigenwillen    
sowie von eigensüchtiger Anhäng­lichkeit an eben diese Werke.         
Der Kampf gegen den (eigenen) Willen des Geistes beginnt.
Zunehmende Erkenntnis und Einsicht in die Unvollkommenheit des eigenen Zustands.
4.    Zustand im Gnadenleben           
Fortgeschrittensein im Leben des Geistes: Übungen in den höheren Formen der Meditation und geistlichen Betrachtung - aber stets noch mit Eigenwillen, d.h. mit ich-orientierten Ambitionen und Gott fremdem Leistungsdrang verbunden.        
Bis zum Ende dieser Etappe im geistlichen Leben handelt die Seele nach der Art eines Sklaven, Tagelöhners, Knechts oder Händlers: das Trachten nach eigener Leistung und nach Lohn ist bestimmend.       
Dem Spiegel der einfachen Seelen gemäß erfolgt in diesem Stadium bei wachsender nicht reflexiven Erkenntnis - Erkenntnis „ohne sich“ - der Tod der Vernunft (mors mystica 3). Bis dahin hatte sich die Seele von der Vernunft in diskursiv gewonnenen Schlüssen unterweisen und beraten lassen. Jetzt übernimmt einzig die Liebe die Führung: sie erweist sich nämlich nicht nur als die Erfüllung des höchsten und alle anderen Gebote zusammenfassenden Gebots, sondern als das Wesen Gottes selbst. Denn nach dem Zeugnis der biblischen Texte im Wortlaut des Apostels Johannes ist Gott die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, ja ist Kind und Sohn/Tochter Gottes. Damit findet der bisherige Zustand des Verirrtseins im Bereich des Uneigentlichen und des Gottfernen (regio dissimilitudinis im Verhältnis zu Gott) und die Verwirrung und Verdüsterung der in Anmassung und Selbstherrlichkeit auf sich selbst abstellenden Vernunft ein Ende.
5.    Zustand im Gnadenleben           
Die Seele stirbt jeglichem Eigenen ab (mors mystica 4); sie besteht in einem blinden vernichtigten Leben, d.h. im Nichterkennen und Nichtwollen, denn sie hat erfahren, dass Gott sie in jeder Beziehung völlig übersteigt. Zwar erfährt sie also, dass Gott ihre intellektuellen und affekthaften Fähigkeiten weitaus übertrifft, doch bezieht sie nun gerade aufgrund dieser „dunklen“ Erkenntnis - dunkel durch die Überhelle des Lichts - ihre Nahrung aus der Herrlichkeit.
6.    Zustand des Gnadenlebens (1. Teil)         
Der göttliche Blitz eröffnet der Seele in einem hinreissenden Erlebnis die Herrlichkeit: verklärtes Leben für kurze Zeit. Das Nichtwollen und Nichterkennen führt zur Einheit mit dem Geliebten. Selbst die Bewegung der Liebe (Sehnsucht, Verlangen) kommt in Gott, in dem Punkt, wo die Seele war, bevor sie geschaffen wurde, zu ihrem Ende. In diesem Sinne führt die Vereinigung mit Gott zur Nichtliebe: durch die Umwandlung in der Liebe, die Gott selbst ist (deificatio), wird die Seele aus Gnade, was Gott ist. Darin besteht die Ruhe und der alles übersteigende Friede, in dem die Seele auf der Erde beschränkte Zeit, in der Herrlichkeit für immer verweilt.        
Die von der Seele in diesem Zustand geübte Indifferenz stellt einen Versuch dar, der Ruhe in Gott gewissermassen Dauer zu verleihen. Die Rückkehr der Seele in ihren Ursprung ist somit, zumindest punktuell, erreicht. Unbeschwert und ohne irgendwelche Rückbezüglichkeit auf sich selbst ist die Seele frei.
7.    Zustand des Gnadenlebens (2. Teil)         
Die Seele lebt durch ihre Freiheit von sich selbst unabhängig und ausserhalb der körperlichen Existenz (der Körper hält mit, soweit es die ihm eigene Beschaffenheit zulässt). Es folgt die Schau der Dreieinigkeit und das Geniessen Gottes in seiner Einheit, d.h. in seiner Gottheit. Dies erfüllt sich erst nach dem Tod im Glorienstand. Damit befindet sich die Seele im Paradies, das ist im Lande des Lebens.
Obschon der spirituelle Weg der einfachen Seelen eine Rückkehr in den Ursprung vor dem Schöpfungsakt, also vor der Zeit ist, wo vollständige Einheit und Ruhe herrschen, vermeidet Marguerite Porète das in der mystischen Theologie schon damals oft bemühte Aufstiegsschema. Sie arbeitet zwar mit der Wegvorstellung, in der auch bei ihr die für die Beginenmystik charakteristische Phase des Verirrens, des planlosen und ziellosen Umherirrens ihren Platz hat. Sie nennt in ihrer geistlichen Topographie auch das Tal der Demut (besonders nachdrücklich), die Ebene der Wahrheit und den Berg der Beschauung. Die Wegabschnitte aber sind mehr Stadien oder Zustände denn Stufen. Der Weg ist damit weit entfernt von einer Erfolgsleiter, und wäre sie noch so sublim. Ihr vorgestellter geistlicher Weg führt durch teilweise schwieriges, wüstenartiges Gelände aus dem Exil und der Verbannung zurück in die Heimat, in das Land des Lebens.
Wie diese Seele frei ist in allen vier Richtungen
„Die Liebe: Die Seele, die solcherart vollkommen ist, ist frei in vier Richtungen. Denn die vier Bereiche müssen im edlen Menschen sein, damit man ihn Edelmann nennen kann. Und so verhält es sich auch im geistlichen Verständnis.
Der erste Bereich, in dem diese Seele frei ist, besteht darin, dass sie sich innerlich keine Vorhaltungen macht, selbst wenn sie die Werke der Tugend nicht ausführt oder wirkt. Ha, bei Gott! Ihr, die ihr mir zuhört, versteht es denn, wenn ihr könnt! Wie wäre es denn bloß möglich, dass die Liebe sich durch die Werke der Tugend betätigte, wenn es zutreffen sollte, dass das Werk aufhört, wenn die Liebe zu wirken beginnt?
Der zweite Bereich besteht darin, dass sie keinerlei Willen mehr habe - nicht mehr als ihn die Toten in ihren Gräbern haben - außer einzig nur den göttlichen Willen. Eine solche Seele kümmert sich weder um Gerechtigkeit noch um Barmherzigkeit. Sie gründet und setzt alles in den alleinigen Willen dessen, den sie liebt. Und dies ist die zweite Richtung, in der diese Seele frei ist.
Die dritte Richtung ist die, dass sie glaubt und daran festhält, dass niemand je gewesen, noch einer sei und je sein werde, der schlechter wäre als sie, dass aber niemals einer mehr geliebt worden sei von jenem, den sie liebt, als sie selbst geliebt ist. Merkt euch dies, doch versteht es nicht falsch!
Der vierte Bereich besteht darin, dass sie glaubt und daran festhält, dass es nicht möglich sei, dass Gott etwas anderes denn Gutes wollen könne. Gleichfalls hält sie daran fest, dass es ebenso unmöglich sei, dass sie etwas anderes wollen könne als seinen göttlichen Willen. Die Liebe hat sie derart mit sich selbst ausgestattet, und sie lässt sie solches von sich behaupten. Sie (die Liebe), die in ihrer Liebe durch ihre Liebe sie (die Seele) zu einer solchen Liebe umgewandelt hat. Und durch ihr Wollen hat sie sie in göttlichem Wollen zu solchem Wollen restlos umgewandelt. Jene (die Liebe) ist aus sich selbst, in sich selbst und für sich selbst so. Und diese (die Seele) glaubt es und hält daran fest. Anders wäre sie nicht frei in allen ihren Bereichen“
(aaO S. 126-127, Fettdruck vom Blog-Autor).



Weitere Literaturauswahl
  • Marguerite Porete: Le mirouer des simples ames. Édité par Romana Guarnieri.
    Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis LXIX.
    Turnhout (B): Brepols 1986, 412 pp., indices
  • Marguerite Porète: Le miroir des âmes simples et anéantis.
    Spiritualités vivantes No. 147. Paris: Albin Michel [1997] 2011, 276 pp.
    (neufranzösische Ausgabe)
  • Amy Hollywood: The Soul as Virgin Wife. Mechthild of Magdeburg, Marguerite Porete
    and Meister Eckhart. Notre Dame / London 1995, IX, 331 pp., index
  • Catherine M. Müller: Marguerite Porète et Marguerite d'Oingt de l'autre côté du miroir.
    Currents in Comparative Romance Languages and Literatures, Vol. 72.
    New York u.a.: P. Lang 1999, XI, 213 pp., index  
  • Joanne Maguire Robinson: Nobility and Annihilation in Marguerite Porete's Mirror of Simple Souls.
    SUNY series in Western Esoteric Traditions.
    Albany, NY: State University of New York Press 2001, XVI, 178 pp., index
  • Franz-Josef Schweizer: Marguerite Porète. In: Johannes Thiele (Hg.): Mein herz schmilzt wie Eis am Feuer. Die religiöse Frauenbewegung des Mittelalters in Porträts. Stuttgart: Kreuz 1988, 299 S.





Montag, 16. Mai 2016

Geistes-Gegenwart. Predigtskizze zum Schluss der Pfingstgeschichte

Einstimmung

Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen des Lebensschöpfers, 
der uns immer aufs Neue Leben schenkt.
Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen der Menschlichkeit, 
die uns Jesus vorlebte.
Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen der göttlichen Bewegung, 
die Pfingsten heißt.
Wir lassen uns auf Gottes Geistesgegenwart ein 
und wagen uns in die göttliche Dynamik:
Wir hoffen auf die Veränderung unseres Lebens. 
Wir sind nicht die Dogmatiker einer neuen Geisteslehre
sondern freuen uns auf geistvolle Entdeckungen.
Wir hoffen auf Geistesblitze. 
Wir feiern die Freude. Wir feiern die Geistes-Gegenwart.
Wir erwarten, dass Pfingsten auch heute noch möglich ist
und die Sprachlosen miteinander ins Gespräch kommen.

Dreifach sagen wir es und einfach nehmen wir es: Wir feiern diesen Gottesdienst
im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


Apostelgeschichte 2,37-47

37 Die Zuhörer waren von dem, was Petrus sagte, bis ins Innerste getroffen. »Was sollen wir jetzt tun, liebe Brüder?«, fragten sie ihn und die anderen Apostel. 38 »Kehrt um«, erwiderte Petrus, »und jeder von euch lasse sich auf den Namen von Jesus Christus taufen! Dann wird Gott euch eure Sünden vergeben, und ihr werdet seine Gabe, den Heiligen Geist, bekommen. 39 Denn diese Zusage gilt euch und euren Nachkommen und darüber hinaus allen Menschen auch in den entferntesten Ländern – allen, die der Herr, unser Gott, zu seiner Gemeinde rufen wird.« 40 Mit diesen und noch vielen anderen Worten bezeugte Petrus ihnen das Evangelium; eindringlich ermahnte er sie: »Diese Generation ist auf dem Weg ins Verderben! Lasst euch retten vor dem Gericht, das über sie hereinbrechen wird! « 
41 Viele nahmen die Botschaft an, die Petrus ihnen verkündete, und ließen sich taufen. Durch Gottes Wirken wuchs die Gemeinde an diesem Tag um etwa dreitausend Personen.
42 Was das Leben der Christen prägte, waren die Lehre, in der die Apostel sie unterwiesen, ihr Zusammenhalt in gegenseitiger Liebe und Hilfsbereitschaft, das Mahl des Herrn und das Gebet. 43 Jedermann in Jerusalem war von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott ergriffen, und durch die Apostel geschahen zahlreiche Wunder und viele außergewöhnliche Dinge. 44 Alle, die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. 45 Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren. 
46 Einmütig und mit großer Treue kamen sie Tag für Tag im Tempel zusammen. Außerdem trafen sie sich täglich in ihren Häusern, um miteinander zu essen und das Mahl des Herrn zu feiern, und ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und aufrichtiger Herzlichkeit geprägt. 
47 Sie priesen Gott bei allem, was sie taten, und standen beim ganzen Volk in hohem Ansehen. Und jeden Tag rettete der Herr weitere Menschen, so dass die Gemeinde immer größer wurde.
(Neue Genfer Übersetzung, Fettschreibung von mir)

1.  Pfingsten – ein neues Verstehen
Der Durchbruch des göttlichen Geistes in der Pfingstgeschichte (Apg 2,1-13) ist ein unfassbares Wunder. Unfassbar deshalb, weil uns erzählt wird, dass Menschen, die sich vorher nicht kannten und aus allen Teilen der Welt kamen, an diesem Tag das große Verstehen erlebten.
Am jüdischen Pfingstfest waren die Anhänger Jesu beisammen. Da geschah ganz plötzlich ein Brausen vom Himmel, wie ein gewaltiger Wind. Er erfüllte das ganze Haus in dem sie saßen. Und sie wurden alle voll des heiligen Geistes und fingen an, in anderer Sprache, in Zungen zu reden. Sie drückten das aus, was der Geist ihnen eingab, auszusprechen …Da nun diese brausende Stimme geschah, kamen andere dazu und wurden bestürzt, weil ein jeder sich in seiner eigenen Sprache reden hörte. Wie können einfache Männer aus Galiläa plötzlich in vielen Sprachen gleichzeitig reden?
Wie ist es möglich, dass sich diese Leute untereinander verstanden? Kamen sie doch aus Medien und Persien, aus Elam, ja aus dem Zweistromland, aus Kappadozien, dem Schwarzen Meer, Vorderasien, Phrygien, Pamphylien, Ägypten, Kreta, Libyen und dem übrigen Maghreb, ja insgesamt aus der arabischen Welt und noch dazu Ausländer aus Rom – Menschen unterschiedlicher Rassen und Glaubens.
Wie ist das möglich? Aber es gibt sofort die Zweifler und Spötter: Man kann solches umfassendes Verstehen auch anders deuten. Da sind Menschen, die sind am Morgen schon voll vom süßen Wein betrunken. Diese Lallenden umarmen sich und feiern Verbrüderung, solange der Alkohol anhält ...
Der Alkoholspiegel wäre also ein Art chemisches Pfingsten. Und es gibt nicht wenige, die die Entdeckung einer anderen, besseren Wirklichkeit meinen, durch Drogen zu erreichen.
Aber an diesem Pfingsttage wird Geschichte mit nüchternem und wachem Geist neu geschrieben:
Beim Turmbau zu Babel (Gen 11, 1–8) führte der Hochmut und die Arroganz, alles immer höher, größer und besser zu machen, zur Verwirrung, zur Sprachenverwirrung. Sie führt zu einem menschlichen Durcheinander. Keiner versteht mehr den anderen. Das ist eben nicht nur ein Übersetzungsproblem. Pfingsten setzt hier ein Signal. Diese Verwirrung hat ein Ende. Gott schreibt ein neues Kapitel seiner Heilsgeschichte. Davon erzählen die Jünger den Menschen um sie herum.
Mit Jesus kommt dieser göttliche Geist in die Welt.
2.  Über 2000 Jahre die Chance des Geistes
Wer sich so hat ansprechen lassen und vom Geist hat bewegen lassen, der bleibt an dieser Sache dran. 3000 sollen es damals gewesen sein. So hören wir es in unserem Abschnitt. Diese vielen lassen sich taufen, aber mehr noch: „Sie bleiben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet“ (S. 42).
Wie sieht das mit uns heute im Jahre 2016 als Kirche Jesu Christi aus?
Was haben wir in 2000 Jahren mit diesem Geist-Angebot gemacht?
Sind wir noch Geist-Bewegte?
3.  Die Versteinerung des Geistgeschehens
Wenn wir die Kirchengeschichte anschauen, müssen wir bekennen, dass der Glaube sehr bald zur Lehre mit Glaubenssätzen wurde. Aus dieser Lehre wurde oft eine Dogmatik, die die spirituelle Unbeweglichkeit noch verstärkte.
So kommt Angst auf vor neuen spirituellen Bewegungen und Veränderungen der herkömmlichen theologischen Anschauungen. Martin Luther selbst ist in diese Gefahr geraten, als er sich in aller Schärfe gegen Thomas Müntzer und die Bauernaufstände wendete. Er verstand nicht, dass das Evangelium auch soziale Auswirkungen gerade für die Unterdrückten und Ausgebeuteten haben muss.
4.  Startgeld des Geistes
Machen wir uns klar: Mit Jesus kommt ein neuer Geist in die Welt. Es ist der Geist, von dem schon das Johannes-Evangelium spricht: „Wenn aber jener Geist der Wahrheit als Tröster und Beistand kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten“ (Joh 16,7-13). Das bedeutet nicht nur eine neue Sichtweise, sondern eine Veränderung der Wirklichkeit.
Wer dem Geist Jesu zutraut, dass er die Welt verändern kann, für den verändert sich die Welt nicht nur innerlich, nicht nur für die Seele. Die Erfahrung von Pfingsten hat innere Wirkungen, so dass wir uns in einem neuen Lichte sehen, im Lichte des lebendigen Christus. Das aber bedeutet nicht nur eine neue Sichtweise, sondern eine Veränderung der Wirklichkeit.
Erinnern wir uns: Wir Christen kommen von Ostern her. Mit der Auferstehung Jesu gibt es eine neue Qualität und Wirklichkeit des Lebens. Im Symbol der Taufe erinnern wir uns daran: Uns wird neues Leben geschenkt. Die Christen der Alten Kirche haben darum bewusst am Osterfest die menschen getauft. Die Wassertaufe ist nämlich zugleich auch eine Geisttaufe, die Zusage der göttlichen Gegenwart, der Beginn einer neuen Wirklichkeit. In ihr wird uns zugleich dieser neue Geist geschenkt. Die Taufe ist gewissermaßen das Startgelt des Geistes: Dieser Geist bringt uns in Bewegung, er fordert uns heraus. Das bedeutet, dass wir uns von der Hektik unserer Zeit, dem Immer-Schneller, Immer-Höher, Immer-Besser, dem Immer-Erreichbarsein lösen können. Die tägliche Stille der Meditation und des Gebets wird gewissermaßen zur Oase unseres Alltags und gibt uns neue Kraft und Kreativität, eben Geistes-Gegenwart. Und diese Erfahrung von Pfingsten hat auch erhebliche Wirkungen nach außen.
5.  Geistes-Gegenwart [heute]
Von den Wirkungen dieses Geistes erzählt uns die Pfingstgeschichte. Diese sind ganz praktisch:
  • Miteinander teilen. Machen wir uns klar, dass die ersten Christen eine Art Ur-Kommunismus leben. Sie teilten alles miteinander und verzichteten sogar auf persönlichen Besitz! 
  • V. 45: Sie verkauften sogar Grundstücke, Immobilien und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den Bedürfnissen an alle, die in Not waren. Angesichts der drängenden Flüchtlingsnöte heute haben wir hier noch viele, noch gar nicht wahrgenommene Möglichkeiten!
  • Der tägliche Gottesdienst war den ersten Christen ein Anliegen. Heute werden manchmal sogar Gottesdienste eingespart. An Pfingstmontag geht kaum noch einer in die Kirche. Und wer unter der Woche sich tatsächlich einmal in aller Stille oder zum Gebet in die Kirche begeben will, steht oft verschlossenen Türen –als hätte Gott nur sonntags von 10-11 Uhr Dienst !
  • Neben dem Gottesdienst ist die Gemeinschaft ganz wichtig. Es ist drum schön, wenn immer öfters in unseren Gemeinden ein Kirchencafé nach dem Gottesdienst stattfindet oder die Gemeinde sogar zu Mittag miteinander isst. Wie heißt es so schön im Text (V. 46): „Ihre Zusammenkünfte waren von überschwänglicher Freude und großer Herzlichkeit geprägt.“
  • Die ersten Christen standen in hohem Ansehen, so erzählt es zumindest die Apostelgeschichte. Ob das nicht ein bisschen schöngeredet ist, lassen wir einmal dahingestellt. Wie dem auch sei: Unser Ansehen als Christen hängt allerdings davon ab, wie konkret und praktisch wir die Nachfolge Christi im Alltag leben.

Der Geist von Pfingsten bleibt nicht an der Oberfläche, er ist kein Strohfeuer. Als Geistes-Gegenwärtige sind wir herausgefordert, nicht nur christlich zu reden, sondern christlich zu leben und damit Zeichen der Liebe Gottes zu allen Menschen zu setzen.
Reinhard Kirste

                                               Relpäd/Apg 2,37–47, 16.05.16