Sonntag, 26. Juni 2016

Die weibliche Seite des Sufismus: Das Beispiel der Rabi’a von Basra (ca. 717 – 801)

Rabi'a von Basra - persische Miniatur (wikipedia)

Rābiʿa al-ʿAdawiyya al-Qaysiyya lebte in Basra  – im Süden des heutigen Irak.
Sie erwarb sich bald den Ruf einer ungewöhnlich Glaubenden. Zur damaligen Zeit gab es bereits ein Schule weiblicher Asketen, von der sie wahrscheinlich beeinflusst wurde. Sie selbst lebte offensichtlich in einem Kreis islamischer Mystikerinnen, die in ihrer Spiritualität die Gottesliebe zum Thema machten. Überhaupt war Basra schon länger ein Ort sufischer Frömmigkeit.
Berühmt waren die „Gottesfreunde“ und besonders al-Hasan al-Basrī. Rābiʿa hat ihn wohl nie getroffen, aber in den Legenden treten die beiden oft gemeinsam auf. Die großen spirituellen Wirkungen zeigen sich auch weiterhin, wie an den  „Lauteren Brüder“ von Basra aus dem 10. Jahrhundert zu sehen ist.
„Die Lauteren Brüder von Basra  unternahmen im Zweistromland bereits im 10. Jahrhundert, was die europäischen Enzyklopädisten erst im 18. Jahrhundert angingen, nämlich das Unterfangen, eine Sammlung des universalen Wissens herauszugeben. Dabei entstanden 51 Episteln, die bei den Treffen der Bruderschaft auch zu Zwecken der Unterweisung verwendet wurden. Von Obrigkeit und Orthodoxie misstrauisch beäugt, erlitten die Lauteren Brüder immer wieder Zeiten der Verfolgung. Im 19. Jahrhundert veröffentlichte Friedrich Dieterici seine deutsche Übersetzung von 40 der Episteln, ohne jedoch diejenigen mit vornehmlich mystisch-spirituellen Inhalten zu berücksichtigen. 1995 erschienen fünf davon (43-47) in der englischen Übersetzung von Eric van Reijn.: The Epistles oft he Sincere Brethren. Annoted Translation of Epistles 43 to 47. London: Minerva 1995. Deutsch liegt bisher nur die Epistel 45 vor: Von der Freundschaft.
Aus der Verlagsankündigung zu Eric von Rijn (Hg.): Die Lauteren Brüder von Basra
- Von der Freundschaft (Epistel 45).
München: Books Ex Oriente  2011, 52 S.

               Annemarie Schimmel beschreibt sehr eindrücklich
das Wirken der Rabi’a von Basra:

„Die Asketen aber suchten das Reich der Seele und des Herzens zu erobern. Eine entscheidende Rolle fiel dabei einer Frau zu. Der Name der Rabi’a al-Adawiyya oder Rabi’a von Basra (nach ihrer Heimatstadt) steht am Anfang der eigentlichen Mystik im Islam; sie war es, der die Verwandlung düsteren Asketentums in echte Liebesmystik zugeschrieben wird. Jedermann kennt die Geschichte, wie die fromme Asketin durch Basra lief, einen Eimer Wasser in der einen, eine brennende Fackel in der anderen Hand, und als sie nach dem Sinn ihres Vorhabens gefragt wurde, antwortete sie:
Ich will Wasser in die Hölle gießen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und die Menschen Gott nicht aus Furcht vor der Hölle oder aus Hoffnung aufs Paradies anbeten, sondern allein um seiner urewigen Schönheit willen.
Diese oft wiederholte Legende hat ihren Weg auch in die christliche Welt gefunden. Sie wurde durch Joinville, den Vertreter Ludwigs IX., ins Abendland gebracht und wurde von dem Quietisten Camus in seinem 1640 erschienenen Buch „Carité ou la Vraie Charitée“ wiedererzählt; die Illustration zu seinem Werk zeigt eine orientalisch gekleidete Frau mit Fackel und Eimer, über deren Haupt eine Sonne mit der hebräischen Inschrift YHWH strahlt, so den morgenländischen (nicht aber den islamischen) Ursprung der Geschichte andeutend. Danach taucht sie auch in den verschiedensten Varianten in der europäischen Literatur auf.
Es gibt zahllose Anekdoten, die sich um Rabi’a, die freigelassene Sklavin aus Basra, ranken. Basra war nämlich in der Frühzeit die Heimat vieler Asketen; der gelehrte und fromme Prediger Hasan al-Basri (gest. 728) wird in Legenden oft mit Rabi’a verbunden. Die großen Hagiographen der islamischen Welt haben ihr lange Abschnitte gewidmet; sie war in menschlicher Vollkommenheit „deutlich vielen Männern überlegen, weshalb sie auch die ‘Krone der Männer’ genannt wurde“ wie Muhammad Zihni in seinem Werk über berühmte Frauen (maschahir an-nisa) schreibt. Und bis heute kann eine fromme oder anderweits ausgezeichnete Frau als „zweite Rabi’a“ bezeichnet werden.
Ungezählte Wunder werden ihr zugeschrieben: ihre Fingerspitzen leuchteten nachts wie Lampen, und die Kaaba kam ihr entgegen, als sie die Pilgerfahrt unternahm (was einen anderen Sufi verständlicherweise ärgerte). Sie lehnte alle irdischen Bindungen, wie Ehe, ab und schwebte auf ihrem Gebetsteppich durch die Luft. An einem schönen Frühlingstag blieb sie in ihrem Kämmerlein und, von der Dienerin gemahnt, doch Gottes herrliche Schöpfung in den Gärten zu bewundern, meinte sie, die Schönheit Gottes sei im Innern, während die äussere Schönheit nur eine Widerspiegelung der inneren Schönheit sei - eine Geschichte, die Rumi auf einen ungenannten Asketen übertrug und im Mathnawi (M IV 1518f) verwendete. Und wenn Attar in seinen Ilahinama (XXII) vom Lichte Gottes spricht, schreibt er: Wenn es eine Weile auf ein altes Weib schiene, würde es sie zu einer der Grossen, wie Rabi’a, machen ...
Attar berichtet im gleichen Epos (XV) aber auch von ihrer Armut und von ihren Heimsuchungen:
Man sagt, dass Rabi’a, die Heilige,
für eine Woche nichts zu essen fand.
In dieser Woche setzte sie sich niemals,
ihr ganzes Werk war Fasten und Gebet.
Als dann der Hunger ihre Füße schwächte
und alle Glieder fast zerbrechen ließ,
kam zu ihr eine fromme Nachbarsfrau
und brachte eine Schüssel Speise mit.
Nun ging sie hin in ihrem Schmerz und Kummer,
um eine Lampe in den Raum zu holen.
Sie kam zurück - da hatte eine Katze
die Schüssel auf den Boden hingeworfen.
Da ging sie wieder einen Krug zu holen,
um mit dem Trank ihr Fasten nun zu brechen.
Diesmal fiel ihr der Krug gleich aus der Hand -
so blieb sie durstig; denn der Krug zerbrach.
Da stieß ein Ach sie aus, so Herz verbrennend,
als ob’s die ganze Welt verbrennen könnte,
und hundertfach verwirrt rief sie: „Mein Gott,
was willst du noch von diesem armen Weib?
Du hast mich in Verwirrung tief gestürzt,
wie lange noch lässt du im Blut mich wälzen?“
Da kam die Antwort: „Wenn dir das gefällt,
schenk Ich sofort dir diese Welt.
Den Gram jedoch, den du so lange Zeit
getragen hast, entfern’ ich von dir weit:
Weltliebe ist für mich der Sehnsuchtsschmerz:
die passen nicht zusammen in ein Herz.
Willst liebend meinen Kummer du umfassen,
so musst du ständig diese Welt verlassen.
Hast du das eine, ist das andre fern.
Nicht ist umsonst der Liebesgram des Herrn.“
Aus: Schimmel, Annemarie: Meine Seele ist eine Frau. Das Weibliche im Islam.
München: Kösel 1995, S. 31-34

Martin Buber berichtet in seinen "Ekstatischen Konfessionen" diese Geschichte:

„Einst wallfahrte Rabi’a nach Mekka. Als sie die Kaaba erblickte, zu deren Verehrung sie gekommen war, sprach sie: „Ich bedarf des Herrn der Kaaba, was taugt mir die Kaaba? Ich bin so nahe an ihn herangekommen, dass sein Wort: ‘Wer mir eine Spanne naht, dem nahe ich eine Elle’ von mir gilt, - was soll mir noch die Kaaba?“
Von Hassan Basri ermahnt, eine Ehe einzugehen, sprach sie: „Mein Wesen ist längst schon ehelich gebunden. Deswegen sage ich, dass mein Sein in mir erloschen, in ihm (Gott) aufgelebt ist. Und seit jener Zeit lebe ich in seiner Gewalt, ja ganz bin ich er. Wer mich zur Braut verlangt, verlange mich nicht von mir, sondern von ihm“. Hassan fragte sie, wie sie sich zu dieser Stufe erhoben hätte. Sie sprach: „Dadurch, dass ich alles, was ich gefunden hatte, in ihm verlor“. Als jener weiter fragte: „Auf welche Weise hast du ihn erkannt?“ antwortete sie: „O Hassan! Du erkennst auf eine bestimmte Art und Weise, ich aber ohne Weise“.
Sie sprach: „Eine innere Wunde meines Herzens verzehrt mich, die durch die Vereinigung mit meinem Freunde geheilt werden kann. Ich werde krank bleiben, bis ich am jüngsten Tage mein Ziel erreiche“.
Aus: Ekstatische Konfessionen. Gesammelt von Martin Buber. Darmstadt: WB (Lizenz) 1985, S. 10f
Vgl.:  Iserlohner Con-Texte  Nr. 15 (ICT 15): Auf dem Weg zur Achtsamkeit. 2009, S. 79–80

Islamische Mystikerinnen in Vergangenheit und Gegenwart
(Literatur in Auswahl) 

Buchcover Albin Michel (s.u.)
mit einer indischen Miniatur:
Mongolische Schule um 1725,
Hyderabad, Salarjung-Museum.
Textband im Bild:
Mein Sehr-Geliebter, das ist Gott.
Er ist das Merkzeichen!
  • Mehr zu Rābiʿa al-'Adawiyyaal-Qaysiyya bei wikipedia
  • AMRI, Nelly et Laroussi: Les femmes soufies ou la passion de Dieu.
    St-Jean-de-Braye 1992, 269 pp., glossaire, index
  • AMRI, Nelly: La Sainte de Tunis: Présentation de l’hagiographie de ‘Aisha al-Mannûbiyya.
    Arles (F): Sindbad / Actes Sud (Sindbad)
    2008, 297 pp. ill.
  • DELORME, Catherine: Le Chemin de Dieu.
    Paris: Albin Michel 1979, 315 pp-
  • DHINA, Amar: Femmes illustres en Islam.
    Alger: ENAL 1991, 138 pp..
  • Cahill, Susann (Hg.): Wise women. Over two thousand years of spiritual writing by women. New York/ London: W.W. Norton 1996, p 55-57 (Rabi’a)
  • SMITH, Margaret. Muslim Women Mystics. The Life and Work of Rabi’a and Other Women Mystics in Islam.
    Oxford (UK): OneWorld 2001, 2. Aufl., 250 S., Index
  • STÉTIÉ, Salah: Râbi’a de Feu et de Larmes. Spiritualités vivantes.
    Paris: Albin Michel 2015, 135 pp.

Reinhard Kirste

Relpäd/Rabia, 26.06.2016

Sonntag, 5. Juni 2016

Meditative Texte: "Theorie und Praxis der Religionen bei Krieg und Frieden"

Von der Philosophie zur Gottlosigkeit ist es eben so weit wie von der Religion zum Fanatismus, aber vom Fanatismus zur Barbarei ist es nur ein Schritt.
                                                         (aus: D. Diderot: Dédicace de l'essai sur le mérite et la vertu, 1745)


Besinnungstexte im Seminar

03.04.2012
"Der Geist muss Tat werden,
und er muss Tat werden überall,
wo Friedlosigkeit herrscht."

Albert Schweitzer, in: Monika und Udo Tworuschka (Hg.): Die Seele ist wie ein Wind. Weisheit der Religionen. Zürich/Düsseldorf: Benziger 1999, S. 82

10.04.2012 
Wenn ich einen grünen Zweig im Herzen trage,
wird sich auch ein Singvogel darauf niederlassen.
                                                (aus China)
Iris & Jochen Grün: DO, der Weg. Die Weisheit Asiens. München. Atmosphären 2005, S. 205

17.04.2012
Jede Kraft hat eine Gegenkraft.
Gewalt, selbst wohlgemeinte fällt immer auf einen selbst zurück (Laozi = Laotse).
DO, der Weg, aaO S. 139    

24.04.2012 
Zwischen Denken und Handeln soll kein Hauch sein.
Takuan Soho Zenji (1573-1645), aus DO, der Weg, aaO S. 163 

08.05.2012
Nur in einem ruhigen Teich
spiegelt sich das Licht der Sterne.
Aus China (DO, der Weg,  aaO S. 164)

15.05.2012
Wer nach Osten aussschaut, der sieht die Wand im Westen nicht.
Wer nach Süden blickt, der sieht den Norden nicht.
Seine Gedanken verlaufen allein in einer bestimmten Richtung.
Lüshi chunqiu (= Frühling und Herbst des Herrn Lü),
eine Wissensssammlung aus dem 3. Jh. v. Chr. in China), aus DO, der Weg, aaO S. 52


22.05.2012
Wer das Ziel kennt, kann entscheiden.
Wer entscheidet findet Ruhe.
Wer Ruhe findet, ist sicher.
Wer sicher ist, kann überlegen.
Wer überlegt, kann verbessern.
Chinesische Weisheit, aus DO, der Weg, aaO 21     

05.06.2012
 Das Licht in mir ist beständig und klar. Es gibt keine Rettung für irgendeinen von uns außer durch Wahrheit und Gewaltlosigkeit. ich weiß, dass der Krieg schlecht ist, ein Ur-Böses. ich weiß auch, dass er verschwinden muss. ich glaube bestimmt, dass Freiheit, die durch Blutvergießen oder Betrug erlangt wird, keine Freiheit ist.
Mahatma Gandhi, Young India, 13.09.1928, abgedruckt in: Maria Otto (Hg.): Mahatma Gandhi - Worte des Friedens. Freiburg u.a.: Herder 1992, 9. Aufl., S. 108)  


19.06.2012
Menschliche Revolution heißt, unser Leben im Innersten zu verwandeln. Das bedeutet alles zu erkennen und herauszufordern, was uns daran hindert, unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen ... Mit dem Auge unserer erleuchteten Weisheit können wir die Wirklichkeit anders sehen und dementsprechend anders handeln.
Daisaku Ikeda, in: SGI-D (Hg.): Der Schlüssel zum Glück. Frankfurt/M. 2009, S. 58.59
26.06.2012
Konfuzius sprach: "Die Lieder erheben den Menschen.
Die Riten geben ihm Halt
Die Musik macht ihn vollkommen".
                                                                                  Konfuzius: Gespräche (Lun Yu). 
                                                                                 Aus dem Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Ralf Moritz. 
                                                                                  Leipzig: Reclam TB 888, S. 75      
03.07.2012
Konfuzius sprach:
"Etwas lernen und sich immer wieder darin üben - schafft das nicht auch Befriedigung?
Und wenn von fernher Gleichgesinnte kommen - ist das nicht auch ein Grund zur Freude?
Von den Menschen verkannt zu werden, ohne dabei Verbitterung zu spüren -
ist das nicht auch eine Eigenschaft des Edlen?"
                                                                                  Konfuzius: Gespräche (Lun Yu). 
                                                                                 Aus dem Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Ralf Moritz. 
                                                                                  Leipzig: Reclam TB 888, S. 43 

10.07.2012
Kein Feuer brennt wie Lustbegier, 
Kein Sündenübel gleicht dem Hass,
Kein Leiden gleicht dem Lebenswahn,
kein größres Glück als höchste Ruh'.
                                                                Dhammapadam. Der Wahrheitpfad. Ein buddhistisches Denkmal.
                                                                                     Aus dem Pali von Karl Eugen Neumann. SP 317. 
                                                                                     München/ Zürich: Piper 1984, 4. Aufl., S. 66 (Nr. 202)
   
                          
 

Freitag, 3. Juni 2016

Engagierter Brückenbauer des interreligiösen Dialogs - Obiora Ike (Nigeria)

Die jährlichen Gastvorlesungen im Rahmen von „Theologie interkulturell“ an der Johann-Wolfgang-von Goethe Universität Frankfurt/M. ermöglichen Studierenden, Dozenten und Interessierten Einblicke in andere Kulturen und religiöse Traditionen zu gewinnen
Obiora Ike, nigerianischer Priester und Generalvikar des Bistums Enugu hielt im Wintersemester 1997/1998 eine Gastvorlesung im Rahmen von „Theologie interkulturell“: Afrikanische Kulturen und christlicher Glaube in Nigeria – Eine Gesellschaft im Übergang.
In Mai 2006 fand unser persönliches Treffen mit Obiora Ike an der Universität Frankfurt/Main statt, und zwar anlässlich seines Deutschlandbesuchs und dem festlichen Symposium: 20 Jahre „Theologie Interkulturell“.
Obiora Ikes Art und Weise der Begegnungen mit anderen Kulturen und Religionen beeindruckten meine Frau und mich sehr. So kam es dazu, dass wir mit dem Kuratorium unserer Stiftung „Omnis Religio“ beschlossen, ihm den Förderpreis unserer Stiftung für sein interreligiöses Engagement im religiös krisenreichen Nigeria zukommen zu lassen. Uns erschien es notwendig, ihn in seiner Arbeit der Aussöhnung zwischen Muslimen und Christen finanziell zu unterstützen.
(vgl.: http://religiositaet.blogspot.de/2010/12/stiftung-omnis-religio-merkzeichen.html)
Obiora Ike bemüht sich ja nicht nur, Projekte interreligiöser Begegnung zu initiieren, er ist auch vor Ort, um die Versöhnung zwischen Christen und Muslimen voranzubringen. Eine Anekdote verdeutlicht dies: Ausgerechnet an einem Karfreitag besuchte er eine Moschee, um mit Muslimen in Gespräch, Meditation und Gebet zusammen zu sein.
Weil Obiora Ike in dieser Weise sich für den interreligiösen Frieden in Westafrika einsetzt, hat dies auch Folgen für die Bildung von jungen Menschen und Erwachsenen, aber ebenso für die Sozialarbeit in einem Land, in dem Armut noch immer an der Tagesordnung ist.
Seine unermüdliche Arbeit der interreligiösen Bildung und Verständigung ist umso wichtiger, als die Spannungen in Nigeria – gerade im islamisch geprägten Norden des Landes – zugenommen haben. Das hängt mit der die Einführung der Scharia und den Auswirkungen des Irak-Krieges sowie den globalen Auswirkungen des sog. Islamischen Staats zusammen. So haben auch in Westafrika marodierenden Terrormilizen, besonders Boko Haram, bedenklich zugenommen.
Das 2007 herausgekommene Buch von Obiora Ike bestätigt bis zu den alltäglichen Begebenheiten dieses dialogische Handeln unter Bedingen ethnischer und religiöser Konflikte. Der Titel heißt nicht umsonst: Wende dein Gesicht der Sonne zu. Dieses Motto erinnert daran, dass derjenige, der der Sonne entgegengeht, seine Schatten hinter sich lässt  
Rezension hier: https://drive.google.com/file/d/0B35EiO88xc00dlQ5ZlRMb1UzNzA/view
Das Buch insgesamt zeigt die Zuneigung des freundlichen Priesters zu Deutschland. Er sieht unser Land mit den Augen eines fröhlichen Menschen. Er scheint in vielem mit den rheinischen Frohnaturen verwandt zu sein, heißt es doch in Köln: Et kütt, wie et kütt (= es kommt, wie es kommt). Ebenso spricht er auch realistisch die Sonnen- und Schattenseiten seines Heimatlandes an.
Wer angesichts der teilweise dramatischen Erlebnisse von „Obi“ (wie ihn seine deutschen Freunde nennen) nicht angesteckt wird von diesem afrikanischen Lebensmut, übersieht die Energien, die aus diesem Kontinent hervorquellen. Afrika hat viele Seiten, sehr dunkle und sehr helle, aber alle Ereignisse und Entwicklungen können auch als Zeichen gedeutet werden – Deutungen auf Gott hin. Er als der Schöpfer allen Lebens mahnt eine Bestimmung des Menschen an, die von Respekt, Liebe und Barmherzigkeit geprägt ist. Es ist eine Humanität, für die letztlich auch die in Nigeria handelnden Religionen, d.h. konkret die Gläubigen aus Christentum und Islam, verantwortlich sind. Das ist keineswegs einfach! Obiora Ike versucht dies mit seinem persönlichen Lebensstil und als Verantwortlicher seiner Kirche Tag für Tag glaubwürdig umzusetzen.
Unsere Begegnung mit ihm öffnete uns gewissermaßen ein neues Fenster nach Afrika, durch das wir seine Erfahrungen „sichten“ konnten. Seine dort in Afrika und hier in Deutschland erlebten Geschichten verweisen zugleich auf einen größeren Zusammenhang. Es geht dem Priester um den Alltag und um einen jeden. Das heißt: körperliche und spirituelle Gesundheit finden, Zeit zum Reflektieren und zum Beten finden, Zeit, um Freude mit Kindern und mit der Familie zu erleben. Es geht aber immer wieder auch darum, die Grenzen des eigenen Stammes, der eigenen Nation und der eigenen Religion zu überwinden. Angesichts der in seinem Lande oft beunruhigenden, teilweise religiös motivierten Gewalt ist Obiora Ike auch als Theologe besonders herausgefordert. Er erzählt überzeugend bei seinen Deutschlandbesuchen, was er versucht, in seiner nigerianischen Diözese versöhnend zu praktizieren.
Man darf nicht vergessen, dass sich islamische und christliche Gruppen in Nigeria oft genug ausgesprochen restriktiv und wenig menschenfreundlich gegenüber anders denkenden und anders Glaubenden verhalten. Gerade weil bestimmte, verengende Auslegungen der Scharia und die englische Gesetzgebung des Landes oft miteinander konkurrieren, ist es wichtig, die religiösen Werte verantwortungsvolles Menschsein zu betonen. Das gilt für das Christentum wie den Islam in gleicher Weise. Angesichts von Bedrohungen antwortet der Christ Obiora Ike darum nicht mit gegengewaltigen Worten  etwa unter Berufung auf das Evangelium. Die frohe Botschaft Jesu Christi lässt ihn in unerschütterlichem Gottvertrauen beim Brechen der Kolanuss beten:
„Man sagt, ein Unschuldiger, der sich
keine großen und kleinen Sünden
hat zuschulden kommen lassen,
kann die Gewässer überqueren auf einem Stück Kalebasse.
Und dass es ihre gute Zunge ist,
mit der die Schnecke sich über Dornen bewegt ...
Lasse jedes Unkraut, das uns begegnet,
wenn wir aufbrechen,
uns auf dem Heimweg berühren.
Es ist kein böses Unkraut.
Wenn wir hinten sind, lasse das Böse vorne,
wenn wir vorne sind, lasse das Böse hinten sein.“
(S. 266f und 268)
Reinhard Kirste
Persönlicher Beitrag zur "Festschrift für Obiora Ike: "Telling Stories"

 Relpäd/Obiora Ike, 19.02.2016