Mittwoch, 30. November 2016

Die Gewalt der Absolutheitsansprüche: Das Massaker des Elia (1. Könige 18)

Die Feuerprobe auf dem Karmel.
Hans Holbein der Jüngere (1497–1543)
(Wikipedia)
Der Religionspädagoge Hubertus Halbfas hat in seiner Bibelausgabe einen ganzen Abschnitt zum Thema zur Gewalt in der Bibel eingefügt [1]: »Durchweg wirkt es verwirrend, dass die in Israel geschehende Gewalt ebenso ungehemmt erzählt wird, wie die in Israel und durch Israel ausgeübte Gewalt. Das ist insofern positiv, als hier Gewalt nicht verschleiert wird … Daneben ist nicht zu verkennen, dass sich mit der Durchsetzung eines strengen Monotheismus die Tendenz zu Intoleranz und Gewalt verbindet. 
Die Einschärfung des biblischen Bilderverbotes ging einher mit dem Verbot der Fremdkulte. Sobald eine Religion. Sobald eine Religion nur einen einzigen Gott bekennt und ihren Offenbarungsglauben absolut setzt, wird sie unduldsam gegenüber pluralen Systemen und tendiert zur militanten Bekämpfung jeder Abweichung.«
Elia und dann Elisa bringen sich voll in die Auseinandersetzung zwischen den rivalisierenden Gottesvorstellungen und politischen Machenschaften mit seiner Gemahlin Isebel, einer phönizischem Prinzessin ein. Mit ähnlichen religiösen Konflikten haben auch die Könige Ahasaja, Joram und Jehu  (854/53-815/14) zu kämpfen.
Bisher hat der Prophet Elia den Kürzeren gezogen, ja er wurde zugleich mit einer Reihe anderer JHWH-Propheten verfolgt und musste wegen seines vehementen monotheistischen Gottesglaubens in den Untergrund gehen (1. Könige 17). Politischer Hintergrund dieser Auseinandersetzung dürfte gewesen sein, dass die israelitischen Könige in ständigem diplomatischem Kontakt mit ihren Nachbarn standen und damit auch gegenüber deren religiösen Vorstellungen entsprechende Toleranz walten ließen, was offensichtlich bis zu politischen Heiraten ging. Damit dürfte im 9./8. Jahrhundert in Israel auch ein erheblicher religiöser Synkretismus geherrscht haben.
Der niederländische Theologe Anton Wessels beschreibt sehr schön die Veränderung des Jahweglaubens nach der Einwanderung der nomadisierenden Stämme und im Kontext der Staatsbildung Israels: »Die Israeliten begannen den kanaanäischen Fruchtbarkeitsgott Baal zu verehren, als sie das Nomadentum mit dem Ackerbau der Sesshaften vertauscht hatten. Wie die Dinge lagen, war es notwendig, sich Baal, dem Gott des Landes, in der neuen Landbau-Situation zuzuwenden, weil dieser Gott Regen und Fruchtbarkeit geben konnte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele Bräuche und Riten, die mit der Bearbeitung des Landes verbunden waren, einen religiösen Charakter hatten und in diesem Sinne an Baal gebunden waren. Es kann nicht geleugnet werden, dass Jahwe viele Züge Baals übernahm.«[2]
Politisch und wirtschaftlich kommt erschwerend hinzu, dass Ahab einen diktatorischen Regierungsstil pflegte, der den Untertanen im Zweifelsfall jegliches Recht nahm (man denke an die Enteignung von Naboths Weinberg, 1 Kön 21).
Die Auseinandersetzung mit den Baalspropheten trieb nun Elia auf die Spitze, um deutlich zu machen, dass JHWH auch für den Regen zuständig war und Baal damit überflüssig wurde. Dass die Opferdemonstration noch dazu auf dem Karmel geschieht, hat insofern politische Bedeutung, als hier etwa die Grenze zwischen Israel und Tyrus verlief. Eine bedrohliche Dürre bietet nun die Möglichkeit, die erlittene Schmach zu beseitigen, und nun durch die Machtdemonstration des Gottes Israel die Machtverhältnisse umzukehren und damit Baal endgültig als konkurrierenden Gott auszuschalten. Die sich schon auswirkende Hungersnot war der sich verschärfende Anlass. Die Ausführung eines religiösen „Wettbewerbs“ auf Leben und Tod geschieht nun auf ausgesprochen brutale Weise. Zuerst jedoch werden die Opferstätten vorbereitet, Die Opfertiere und das Feuerholz werden fachmännisch aufgeschichtet. Dann soll die Anrufung des jeweiligen Gottes erfolgen und der mächtigere Gott soll sich kundtun, indem sich das Feuerholz für die Brandopfer von selbst, d.h. durch die Hand des jeweiligen Gottes entzündet.
»Nun trat Elia vor alles Volk hin und sprach: Wie lange wollt ihr noch auf beiden Seiten hinken? (= eine Anspielung auf die Art des Ritualtanzes, wie sie die Baalspriester betrieben). Ist der Herr (der wahre) Gott, so haltet euch zu ihm; ist’s aber Baal, so haltet euch zum ihm« (18,21). Das Volk gibt jedoch keine Antwort und wartet die religiöse Demonstration ab. Trotz aller intensiven Beschwörung Baals durch die 450 Priester bleibt ihr Opferaltar „kalt“.
Nun ist Elia an der Reihe, zuerst wird der Brandopferaltar noch dreimal >gewässert<, so dass eine menschliche List bei dem Entzünden des Opferfeuers unmöglich ist. Dann betet Elia, dass JHWH als der wahre Gott erkannt werden soll: »Erhöre mich, o Herr, erhöre mich! Damit dieses Volk erkenne, dass du Herr, (der wahre) Gott bist und dass du ihr Herz herumgewendet hast. Da fiel das Feuer des Herrn herab und verzehrte das Brandopfer und den Holzstoß, die Steine auf dem Erdboden, auch das Wasser im Graben leckte es auf. Als das Volk dies sah, fielen sie alle auf ihr Angesicht und riefen: Der Herr ist Gott! Der Herr ist Gott! Elia aber sprach zu ihnen: greift die Baalspropheten! Keiner von ihnen soll entrinnen! Man ergriff sie, und Elia führte sie hin an den Bach Kison und schlachtete sie daselbst«
(18, 37-40).
Hier spielt sich ein geradezu unglaublicher Racheakt ab, den Elia auch noch selbst im Stile göttlicher Lynchjustiz vollzieht. Auch wenn der ersehnte Regen kommt, so ist mit diesem Massaker neue Aggression und Rache gesät: »Und Ahab erzählte Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten mit dem Schwert getötet hatte. Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Bist du Elia, so bin ich Isebel ! Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich nicht morgen um diese Zeit dir tue, wie du ihnen getan hast! Da fürchtete er (Elia) sich, machte sich auf und ging fort, sein Leben zu retten«
(1. Kön 19,1-3).
Im Folgenden wird dann erzählt, dass diese Bluttat offensichtlich die Seele des Propheten so verwundet hatte, dass er beschließt, in die Wüste zu gehen, um dort zu sterben. Dass es anders kommt und Elia schließlich am Berge Sinai (Horeb) den einen Gott als sanft wehenden Wind erfährt, zeigt, dass die Mission des Elia noch nicht zu Ende ist.[3]
Dies alles ändert aber nichts daran, dass diese Geschichte einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt: Ein Gewalttäter als Prophet des wahren Gottes!  Zwar lässt sich diese Geschichte historisch nachvollziehen, aber die Fragwürdigkeit einer Durchsetzung des einen wahren Gottes, indem die anderen das Blutopfer als Kosten bezahlen, kann weder exegetisch gerechtfertigt noch in irgendeiner Weise als heutige Empfehlung für den Monotheismus angesehen werden. Mich wundert sowieso, dass fast alle Exegeten ohne jeglichen moralischen Aufschrei die Textzusammenhänge hier interpretieren.
Interreligiös gesehen stellt sich das Problem aber noch ganz anders, nämlich welche friedfertigen Möglichkeiten es gibt, angesichts rivalisierender Gottesvorstellungen eine Gesellschaft aufzubauen, die in Frieden miteinander lebt. Weder Elia noch Isebel haben eine Möglichkeit aufgezeigt.[4]
Da die Königsgeschichten natürlich die Tendenz der in Israel Glaubenden widerspiegeln, muss man fragen, ob nicht heute die Geschichte so erzählt werden könnte, dass gewissermaßen beide Opferaltäre vielleicht zugunsten eines gemeinsamen interreligiösen Gebetes um Regen abgebaut werden könnten.
Aus: Reinhard Kirste: Die Bibel interreligiös gelesen.
Interkulturelle Bibliothek Bd. 7. Nordhausen: Bautz 2006, S. 49–53
(etwas bearbeitet, 30.11.2016)



[1]  Hubertus Halbfas: Die Bibel erschlossen und kommentiert. Düsseldorf: Patmos 2001, S. 134-135
[2] Anton Wessels: Biblische Voraussetzungen für und gegen den Synkretismus.
In: R. Kirste / P. Schwarzenau / U. Tworuschka (Hg.): Interreligiöser Dialog zwischen Tradition und Moderne.
Religionen im Gepräch, RIG 3. Balve: Zimmermann 1994, S. 85.          
Besonders beeindruckend hat das herausgehoben David Penchansky:
Twilight of the Gods. Polytheism in the Hebrew Bible.
Louisville (Kentucky): Westminster / John Knox Press 2005, S. 75-77.    
[3]  Vgl. André Lemaire: Naissance du Monotheisme, aaO 68-71 und:
--- Oswald Loretz: Ugarit und die Bibel. (1990)
--- Vorstellung des Buches und Rezension von A Lemaire: hier  
Kanaanäische Götter und Religion im Alten Testament. Darmstadt: WBG 1990. S. 165f
[4]  Von daher reicht es m.E. nicht im Blick auf eine Elementarisierung dieser Geschichte, diese einfach auf das Gerichts- und Heilshandeln Gottes hin zu ordnen und im Kontext eines Massakers auf den Ausschließlichkeitsanspruch Gottes hinzuweisen, so Karl Ernst Nipkow in: Bildungsverständnis im Umbruch. Religionspädagogik im Lebenslauf. Elementarisierung. Pädagogik und Religionspädagogik zum neuen Jahrhundert, Bd. 1.
Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2005, 322-324.

Donnerstag, 17. November 2016

Aus dem Leben des Buddha

Nacherzählung von Lisa und Kristin Ulrich
Im Rahmen des Seminars an der TU Dortmund (WiSe 2016/2017): Interreligiöses Lernen
mit Heiligen Schriften und Erzählungen aus den Weltreligionen
Vorlage:
Amina Okada (Illustrationen Dominique Thibault): Der Prinz, der zum Bettler wurde.
Eine Erzählung aus dem Buddhismus.

--- Reihe: Geschichten vom Himmel und der Erde. Lahr: Kaufmann / Stuttgart: Klett 1995  
Wir wollen euch in eine Geschichte mit hineinnehmen. Eine Geschichte, die vor zweieinhalbtausend Jahren in Kapilavastu spielte, im Norden Indiens an der Grenze zum Himalaya. Heute liegt dort Nepal. In Kapilavastu befand sich ein kleines blühendes Königreich, über das der König Schuddhodana herrschte. Er war ein weiser und gerechter König. Seine Frau war die Königin Maya, die schöner war als die himmlischen Wassernymphen.

Eines Nachts, während der Regenzeit, hatte Maya einen Traum. Sie träumte, dass ein Elefant mit einem roten Kopf und sechs Stoßzähnen in ihren Bauch drang. Die Königin war verwirrt und erzählte dem König von ihrem seltsamen Traum. Der bat Astrologen ihn zu deuten. Der Astrologe deutete den Traum als ein gutes Vorzeichen: Die Königin würde bald einen Sohn zur Welt bringen. Entweder wird er der vollkommenste, weiseste und friedliebendste aller Könige sein oder er wird der Größte aller Weisen, was bedeutet, dass er auf den Thron verzichtet und sich ganz der Suche nach der Wahrheit widmet. Das Königpaar war glücklich. Sie waren überzeugt, ihr Sohn würde der Vollkommenste aller Könige werden.

Die Zeit verging. 10 Monate später ging die Königin im Garten von Lumbini spazieren. Die Vögel sangen und die Blumen dufteten herrlich. Ein Baum fiel der Königin besonders auf. Er war groß und schien ihr ihre Zweige entgegen zu strecken. Sie versuchte einen Zweig zu ergreifen. In dem Moment glitt das Kind direkt aus ihrem Bauch heraus, ohne dass sie Schmerzen hatte. Plötzlich waren die beiden Götter Brahma und Indra bei der Königin, fingen das Neugeborene auf und wickelten es in himmlische Seidentücher. Danach kamen zwei nach Blumen duftende Regenschauer, der eine warm, der andere kalt. Sie waren die ersten Bäder für das kleine Baby. Das Baby begann sofort zu laufen. Es machte sieben Schritte in jede Himmelsrichtung als Zeichen, das es die Macht über die ganze Welt hatte. Zurück im Palast wurde der Kleine von den Brahmanen, den Priestern, untersucht. Sie sagten, er habe alle 32 Zeichen eines Auserwählten. Er ist kein normaler Sterblicher. Er hatte ein Haarbüschel zwischen den Augen und einen Höcker auf dem Kopf. Seine Finger waren durch Schwimmhäute verbunden und auf den Handflächen und Fußsohlen trug er den Abdruck eines Rades der Lehre. Man gab ihm den Namen Siddhartha. Keiner zweifelte daran: Er würde der Herrscher der Welt werden!
Aber trotzdem lag eine große Trauer auf dem Palast. Denn sieben Tage nach der Geburt starb die Königin Maya. Siddhartha wurde bis zum siebten Lebensjahr von einer Tante aufgezogen, danach von einem Meister in 64 Künsten unterrichtet, in denen er überall glänzte. Besonders Interesse hatte Siddhartha an Fragen der Weisheit. Schon früh half er seinem Vater, wenn es um Fragen des Rechts ging.

Eines Tages nahm der König seinen Sohn mit in ein Bauerdorf. Es war üblich, dass der König symbolisch die erste Furche zog, wenn die Felder gepflügt werden mussten. Siddhartha saß unter einem Baum und beobachtete. Er sah die armen sich abrackernden Bauern und ihre Ochsen. Er sah Tiere, die sich gegenseitig auffraßen. Voller Traurigkeit und Mitleid dachte Siddhartha über das Leid und die Qualen der Welt nach.

Als der König die Trauer seines Sohnes sah, bekam er Angst, dass sich Siddhartha doch für den Weg der Weisheit entscheiden und auf den Thron verzichten würde. Da hatte er eine Idee, um seinen sechszehnjährigen Sohn abzulenken: Eine Frau! Die schönsten Mädchen des Reiches wurden zu einem großen Fest in den Palast eingeladen. Jede von ihnen bekam ein Geschenk von Siddhartha überreicht. Die letzte von ihnen hieß Gopa. Sie war wunderschön. Siddhartha beschloss sofort sie zu seiner Frau zu machen. Doch vorher musste er eine Reihe von Prüfungen gegen 500 andere Prinzen meistern. Siddhartha bewies mühelos seine Stärke und durfte Gopa heiraten. Siddhartha und Gopa lebten ein glückliches zurückgezogenes Leben im Palast. 13 Jahre später brachte Gopa ihren ersten Sohn, Rahula, auf die Welt. Jetzt endlich war der König Schuddhodana beruhigt und fürchtete nicht mehr, dass sein Sohn auf den Thron verzichten würde. Alle Sorgen und alles Unglück hielt er von seinem Sohn fern.

Doch eines Tages machte Siddhartha mit seinem treuen Diener eine Spazierfahrt in die Stadt. Am Wegrand sah er einen Mann, der gebückt lief, Falten hatte und weißes Haar. Ganz erschrocken fragte Siddhartha, was denn mit dem Mann los sei. Sein Diener antwortete: „Er ist alt.“ Siddhartha frage: „Werde auch ich irgendwann alt sein?“, „Ja, Herr“, war die Antwort des Dieners. Der Prinz wurde bei diesen Worten sehr traurig, brach die Spazierfahrt ab und kehrte zurück in den Palast. Einige Zeit später wollte der Prinz allerdings wieder eine Fahrt mit seinem Diener in die Stadt machen. Wieder begegneten sie einem Mann. Der Mann atmete schwer und hatte Tränen in den Augen. Wieder fragte der Prinz, was mit dem Mann los sei, und sein Diener erklärte ihm, dass dieser krank sei. Voller Kummer kehrte der Prinz erneut um zum Palast. Ein drittes Mal fuhr Siddhartha mit seinem Diener aus dem Palast. Dieses Mal begegneten sie einer Gruppe von Menschen, die einen leblosen Körper auf einer Bahre trugen. Auf die Fragen des Prinzen hin erzählte der Diener ihm, dass jeder Mensch einmal sterbe müsse und keiner den genauen Zeitpunkt kenne. Auf dem Rückweg zum Palast sahen sie einen Mann, der anders war als die anderen: Er trug einen Safranfarbenden Umhang, seine Haare und Bart waren rasiert und er hatte ein freundliches und kluges Gesicht. Er strahle Friede und Gelassenheit aus. „Wer ist das?“, wollte der Prinz wissen. Der Diener erklärte, dass der Mann ein Bettelmönch sei, der seinen ganzen Besitz aufgeben hat, um sein Leben der Suche nach der Weisheit zu widmen.

Zuhause im Palast empfand der Prinz eine riesige Abscheu gegenüber all dem Luxus und seinem Leben. In der Nacht ging er zu Gopas Schlafgemacht und betrachtete seine Frau und seinen Sohn im Schlaf. Voller Traurigkeit dachte er an die beiden. Aber seine Entscheidung war gefallen. Nichts würde ihn mehr aufhalten. Er wandte sich schnell ab und ging. Er weckte seinen Diener und befahl ihm sein Pferd zu satteln. Der Diener fragte „Warum willst du nachts reisen? Ich sehe keine Feinde, die den Palast stürmen wollen.“ Siddharta antwortete: „Die Feinde sind das Alter, die Krankheit, der Tot. Sattle mein Pferd!“ Das Pferd wieherte und beinahe wachten die Menschen im Palast auf. Aber die Götter beobachteten aus dem Himmel die Abreise des Prinzen und wollten ihm helfen. Sie erstickten das Wiehern des Pferdes und schickten einen Trupp Zwerge, der das Pferd trug, damit man das Dröhnen der Hufe im Palast nicht hörte. Lautlos verließen Siddhartha und sein Diener den Palast und danach die Stadtmauer. Die Tore der Stadtmauer öffneten die Götter selbst. Die ganze Nacht ritten sie und gelangten am Morgen in einen Wald. Siddhartha legte seine Gewänder und seinen Schmuck ab und schnitt sich seine Haare ab. Die Götter nahmen sie wie etwas Heiliges auf und trugen sie zum Himmel. Schluchzend wandte er sich an seinen Diener: „Kehre zurück zum Palast uns sag meinem Vater und meiner Frau, dass ich sie verlassen habe, um den Weg der Weisheit zu gehen. Erst wenn ich weiß, wie das Leid überwunden werden kann, kehre ich zurück. Sie sollen nicht traurig sein, sondern sich freuen.“

Siddhartha folgte den Lehren von einigen Meistern, doch keiner von ihnen konnte ihm Antworten auf die ihn quälenden Fragen geben. Ein Weiser lehrte ihn, enthaltsam zu leben und alles Mögliche zu entbehren. Fünf Jahre lang lebte Siddhartha in der Nähe der heiligen Stätte Gaya und widmete sich der Askese. Er nahm mit der Zeit immer weniger Nahrung zu sich und magerte immer mehr ab. Der Glanz seiner Augen war erloschen. Er wurde von Tag zu Tag schwächer. Da erkannte er, wie sinnlos diese Askese war und beschloss, sie zu unterbrechen. Er aß, wusch sich, ließ sich unter einem Feigenbaum nieder und versank in tiefe Meditation. Er war fest entschlossen, das Geheimnis des menschlichen Daseins zu ergründen. Die Götter des Himmels unterstützten die Suche des Prinzen. Der Gott Mara, der Gott des Todes und der Finsternis, jedoch fürchtete, dass die Erkenntnisse Siddharthas seine Macht über die Menschen bedrohte. Mara schickte seine Armeen aus, um Siddhartha bei der Meditation zu stören. Kreaturen, die aus der Hölle entwichen waren, griffen nach Siddhartha. Doch sie konnten ihm nichts antun. Sobald ihre Arme nach Siddhartha griffen, verwandelten sie sich in Blumen. Mit gesteigerter Wut schickte Mara seine drei Töchter, die die Namen Begierde, Vergnügen und Leidenschaft trugen, um die Meditation des Siddharthas zu stören. Siddhartha aber blickte die drei Schönheiten an und verwandelten sie in häßliche Frauen und trug damit den Sieg über den Herrn der Finsternis davon. Siddhartha meditierte die ganze Nacht. Als dann der Morgen kam, war er ein vollkommener Erwachter, der die höchste Erkenntnis besaß. Er verstand, dass Begierde, Gewalt und Unwissenheit die Ursachen für das Leiden sind. Wer sie überwindet, geht ins Nirwana ein. Aus dem Prinzen Siddhartha war der Buddha – der Erleuchtete- geworden. Er meditierte 7 weitere Tage. Als dann ein heftiger Regen kam, erschien eine Kobra vor ihm und umwand ihn mit ihren 7 Köpfen und schütze ihn so vor dem Regen, damit er weiter meditieren konnte.
Der Buddha beschloss, die Menschen zu lehren, wie sie das Leid überwinden und sich aus dem unheilvollen Kreislauf der Wiedergeburten befreien könnten. Er begab sich schließlich mach Sarnath, wo viele religiöse Menschen lebten. Dort predigte er 5 Asketen seine Erkenntnisse vom Leid. Diese Fünf wurden seine ersten Jünger. Er lebte eine Zeit mit ihnen zusammen und zog dann weiter. Viele folgten seiner Lehre. Die Menschen verließen ihr Heim und ihren Besitz. Weiter erzählt man sich, dass Buddha auch Wunder vollbrachte. Einmal bekehrte er drei Brahmanen zur buddhistischen Lehre, indem er eine Schlange bändigte. 6 Jahre waren inzwischen vergangen, seit dem er den Palast verlassen hatte. Es war nun die Zeit gekommen, zu den Seinigen zurückzukehren, wie er es versprochen hatte, und seine Lehre ihnen zu predigen. Als König Schuddhodana seinen Sohn sah, gekleidet in ein safranfarbenes Gewand und den Blick so rein wie ein Diamant, wusste er dass die Prophezeiung von seinem Astrologen wahr geworden war. Siddhartha war der Größte unter den Weisen geworden. Gopa hatte dem Buddha bis zu diesem Tag nicht vergeben, dass er sie und ihren Sohn verlassen hatte. Doch als Gopa Buddha und seinen milden Blick sah, vergab sie ihm. Der Buddha verkündete ihr seine Lehre, worauf Gopa bestimmte, ihr Sohn solle ihm folgen und Mönch werden. Um auch seiner verstorbenen Mutter die Lehre weiter zu geben, begab sich der Buddha in den Himmel und kehrte danach auf die Erde zurück.

Viele Jahre verkündete der Buddha seine Erkenntnisse. Nur wer alle seine Begierden, wie Reichtum und Macht, besiege, wird frei vom Leid. Der Buddha begegnete jedem Mensch und jedem Tier mit Milde und Güte. Viele wurden seine Anhänger und gründeten Mönchsorden. 45 Jahre seit seiner Erkenntnis waren vergangen. Der Buddha war ein alter Mann und er wusste die Stunde seines Todes und damit die endgültige Befreiung war gekommen. Er und einige Anhänger begaben sich auf die letzte Reise nach Kuschingara. Sein Lieblingsjünger bereitete dem Buddha ein Lager. Dieser legte sich auf den Mönchsmantel auf die rechte Seite, den Kopf nach Norden, das Gesicht nach Westen. Seine Anhänger weinten um ihn. Da ergriff der Buddha en letztes Mal das Wort. Er sagte ihnen, sie sollen nicht traurig sein, denn kein einziges Lebewesen auf dieser Erde lebe ewig. Ob alt oder jung, ob klug oder närrisch, ob reich oder arm. Alle müssen sie sterben. Daraufhin schwieg der Buddha und schloss die Augen. Er versenkte sich in tiefe Meditation und ging ins Nirwana ein. Sein Körper strahlte einen wunderbaren Glanz aus. Die Götter streuten goldene und purpurfarbene Blumen vom Himmel.

Rz-Himmel und Erde/Buddha, 15.11.2016 




Orientierung zum Sufismus (aktualisiert)

Die spirituellen Kräfte und religiösen Veränderungen durch die Entstehung des Islam begünstigten sehr schnell mystische Richtungen in der neuen Religion. Sie werden unter dem Begriff Sufismus zusammengefasst (von arabisch Tasawwuf, wahrscheinlich von „suf“ = Wolle, also sich in Wolle kleiden). Der Sufismus war zugleich eine Antwort auf bald erfolgende institutionalisierte Erstarrungen in der der "umma", der Gemeinschaft aller Gläubigen. Und er war zugleich eine Antwort auf die religiöse Erstarrung, die dem tiefen Bedürfnis nach erlebter Religiosität nicht mehr entsprechen konnte. Auf der Basis von Koran und Sunna zogen sich die Sufis, ähnlich den christlichen Mönchen in Syrien und Ägypten, entweder in die Einöde zurück oder lebten - allerdings nicht zölibatär - in klosterähnlichen Orden mit einem Scheich als Oberhaupt. In diesen Orden (arabisch Tariqa = Weg, Methode) übten sich die Bruderschaften in einer Art Ur-Kommunismus zu teilweise strengem Fasten und intensivem Gebet. Einige von ihnen predigten jedoch auch öffentlich in den Städten im östlichen wie im westlichen Teil der islamischen Herrschaftsgebiete.

Vgl. Tradition, Reform und Restauration im Islam
In dieser Weise wirkten u.a. Mansur al-Halladsch [Hallaj] (857–922), der in Bagdad wegen seiner Vorstellung von der im Menschen wirkenden Gottesliebe hingerichtet wurde. In Spanien und Nordafrika war es u.a. Ibn al-Arabi (1165-1241), der ins Exil gehen musste (s.u.). Die Mystiker, besonders unter dem Einfluss von Fariduddin Attar (1126–ca. 1230) und Djelaleddin Rumi [Dschalal ad-Din ar-Rumi] (1207–1273) sahen letztlich in einer korrelativ geprägten Liebesbeziehung Gott-Mensch-Gott eine Gleichwertigkeit aller Religionen. 

Literatur: Islamische Mystik und Orden
Annemarie Schimmel und die islamische Mystik 
 Weitere wichtige Titel zur islamischen Spiritualität
Jesus in der Sufi-Tradition
Buchcover: Jesus wird von
zwei Engeln nach
Damaskus gebracht (16. Jh.)
Museum Türkischer und
Islamischer Kunst,
Istanbul

Einzelne islamische Mystiker
und Orden


Fariduddin Attar
  • Vogelgespräche und andere klassische Texte
    - vorgestellt von Annemarie Schimmel. München: C.H. Beck 1999, 357 S.

    Rezension in "Perlentaucher.de"
  • Aphorismen
  • Attar: Das Buch der Leiden. Aus dem Persischen von Bernhard Meyer.
    Mit einer Einführung von Monika Gronke.
    Reihe: Orientalische Bibliothek. München: C.H. Beck (Sept. 2016), 350 S.
    Attar ist einer der größten islamischen Mystiker. Das „Buch der Leiden“ stand lange im Schatten seiner „Vogelgespräche“, aber gerade in seiner Düsterheit liegt auch die Modernität dieser „vielleicht schwärzesten Dichtung, die je von einem Menschen geschrieben worden ist“ (Navid Kermani). Bernhard Meyer hat den Hauptteil des verstörenden Werkes erstmals vollständig ins Deutsche übertragen.
    Der klassische persische Dichter ‘Attar (um 1136–1220) erzählt eine Seelenreise durch den Kosmos in vierzig Stationen. Der Wanderer bricht auf, um Erlösung von seinem Leiden zu finden, aber alle, die er um Hilfe bittet – die Erzengel, Paradies und Hölle, die vier Elemente, Satan, Dschinnen, Menschen und die Propheten von Adam bis Jesus –, schildern ihm nur ihr eigenes, viel schlimmeres Leiden. Erst Mohammed gibt ihm den Rat, nicht länger in der Welt zu suchen, sondern in sich selbst, und so versinkt er im „Meer der Seele“. Um diese Rahmenerzählung mäandern zahlreiche Geschichten, die das „Buch der Leiden“ trotz seiner Düsternis zu einer kurzweiligen Lektüre machen. Bernhard Meyer hat die 6200 Doppelverse in Prosa übertragen und mit erläuternden Anmerkungen versehen. Monika Gronke führt kundig in den Autor und seine Dichtung ein und erleichtert damit das Verständnis dieses einzigartigen Werkes der Weltliteratur.

Ibn Ata Allah und Al-Halladsch (Hallaj)
Ibn 'Arabî von Murcia (1165-1240)
Maulana (Mevlana) Dschelaleddin RUMI (1207-1273)

Der Alawiyya-Orden
Weitere Mystiker/innen aus dem Mittleren Osten, Südostasien und Nordafrika


Mittwoch, 16. November 2016

Die Goldene Legende - Geschichten von Jesus, den Heiligen, Märtyrer/innen, Mönchen und Nonnen (aktualisiert)

Ausgabe Anaconda-Verlag Köln 2011,
Nachdruck (288 S.).
Übersetzung: Matthias Hackemann 
Die einzelnen Geschichten der Goldenen Legende, der Legenda Aurea sind vielen bekannt, man denke nur an St. Nikolaus, St. Martin, den Valentinstag, oder an Maria Magdalena und Maria, die Mutter Jesu. Welche Fülle von den Erlebnissen der Heiligen aber dieses berühmte Volksbuch des Mittelalters enthält, ahnen die meisten wohl nicht.
Es wurde zwischen 1263 und 1273 von dem späteren Erzbischof von Genua, dem Dominikaner Jacobus de Voragine, verfasst: Für seine Sammlung von etwa 150 Heiligenlegenden benutzte er die Bibel, apokryphe Passionsgeschichten und Evangelien. Hinzu kamen die schon lange tradierten Apostel- und Märtyrerakten, verbunden mit vielen sich daran anknüpfenden volkstümlichen Erzählungen. Er systematisierte die Texte nach dem Kirchenjahr, zumal jeder Tag einem bestimmten Heiligen zugeordnet war bzw. wurde: mit besonderen Schwerpunkten auf dem Weihnachts- und Osterfestkreis. Das in leichtem Lateinisch verfasste Werk erfuhr bald viele Übersetzungen in europäische Sprachen und wurde immer wieder neu aufgelegt. Auch Regional-Legenden kamen ergänzend hinzu. Erst mit der Reformation geriet diese Geschichtensammlung etwas in Vergessenheit.

  • Mehr zur Goldenen Legende im Ökumenischen Heiligenlexikon: hier
  • Ausführliche Vorstellung mehrerer Ausgaben der Goldenen Legende: hier
  • Legenda aurea – Goldene Legende. Jacopo de Varazze:
    Legendae Sanctorum – 
    Legenden der Heiligen. Lateinisch – Deutsch. Einleitung, Edition, Übersetzung und Kommentar von B. W. Häuptli. 2 Bde. Freiburg u.a: Herder 2014Bd. 1: S. 1–1043; Bd. 2: XI, S. 1044–2447= Fontes Christiani, Sonderband --- ISBN 978-3-451-31222 ---
  • Clemens Jöckle: Encyclopedia of Saints. London: Alpine Fine Arts Collection1995, 479 pp., illustr.
  • Manuela Dunn-Mascetti: Saints. The Chosen Few. New York: Ballantine Books 1994, 255 pp., illustr.
  • Hiltgard L. Keller: Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten.Legende und Darstellung in der bildenden Kunst.  Stuttgart: Reclam 1984, inzwischen in der 12. Auflage. 
  • Alfred Läpple: Das Hausbuch der Heiligen und Namenspatrone. Mit immerwährendem Namenskalender.
    München: Goldmann TB 12391, 1992, 352 S., Abb.
  • José María Montes: El Libro de los Santos. El libro de bolsillo, BT 8114. Madrid: Alianza 2001, 563 pp., índices

Die Heiligen von A - V = Inhalt der Goldenen Legende
--- Gute Recherchen mit Hilfes des Ökumenischen Heiligenlexikons

--- Vgl. auch: Feste im Kirchenjahr 
Hl. Barbara - ihr Symbol: der Turm
Kirche Saint-Urbain, Troyes
  • Die Heiligen Abdon und Sennen / Adrian und seine Gefährten / Ägidius / Agata / Agatone, Abt / Agnes / Augustinus /Alessio in Rom / Amandus / Ambrosius / Anastasia von Sirmium / Andreas, Apostel /  Antonius, Abt /  Apollinarius /  Apollonia / Arsenius, Abt
  • Die Heiligen Bileam und Josaphat / BarbaraBarnabas / Bartolomäus / Basilius der Große /
    Benedikt von Nursia / Bernhard von Clairvaux / Biagius / Bonifatius von Tarsus / Brizius
  • Calixtus /  Katharina von Alexandria  Cäcilia, Patronin der Kirchenmusik  / Cyriacus  und Gefährten / Klemens / Gedenken an die verstorbenen Seelen / Cornelius und Cyprian  / Crisantus und Daria /  Crisogonus / Christina / Christophorus
  • Dionysius, Rustico und Eleuterio / Dominicus / Donatus / Elisabeth /  Euphemia /  Eusebius /  Eustachius / Papst Fabian, Papst / Faustinus / Adauctus / Felix von Nola / Felix, Papst / Philippus, Apostel / Franziskus von Assisi / Furseus, Bischof, 
  • Germanus von Auxerre / Hieronymus / Hilarius von Poitiers / Hippolyt und seine Gefährten / Jacobus intercisus / Jakobus der Ältere / Jakobus der Jüngere / Georg / Johannes Abatus / Johannes der Evangelist  --- Johannes an der Porta Latina Rom /  Johannes der Täufer / Johannes Chrysostomus / Die Heiligen Johannes und Paulus / Johannes, der Almosengeber /  Juliana /  Julius / Justina, die Jungfrau /  Die elftausend Jungfrauen / Gordianes und Epimachus, Gorgomius und Dorotheus / Gregor der Große, Papst / Ignatius von Antiochien /  Die Innocenti - die Unschuldigen  
  • Lambertus / Leodegarius / Leonard / Papst Leo /  Longinus / Laurentius [Lorenz], Märtyrer / Lukas, Evangelist / Lucia von Syrakus / Lupus in Sens /  Makarios Abate / Die heiligen Makkabäer / Mamertinus / Papst  Marcellinus / Papst Marcellus / Markus, Evangelist / Margarete / Margarete von Antiochen / Maria von Ägypten / Maria Magdalena / Marina / Martha,  Schwester von Lazarus / Martin,  Bischof von Tours / Matthias, Apostel / Matthäus, Apostel , Apostel / Mauritius [Moritz] und seine Gefährten /  Michael der Erzengel / Moses, Abt / Nazarius und Celsus / Nereus und Achilleus / Nikolaus von Myra
  • Pancratius, Märtyrer / Paula / Paulus von Tarsus / Patrick von Irland / Pelagia / Papst Pelagius / Petronilla / Petrus, Apostel / Petrus und St. Marcellinus, Exorzisten / Petrus, Märtyrer /  Santa Praxedes / Primus und Felicianus /  Protus und Giacintus / Quentin / Quiricus und Julietta / Remigius
  • Saturnius, Perpetua, Felicitas und ihre Begleiter / Savinianus und Savina / Sebastian / Secundus von Asti /  Die Siebenschläfer / Die sieben Brüder, Söhne von  Felicitas / Papst Sylvester / die Apostel Simon und Judas / Simplicius / Symphorianus / Sixtus /  Sophia und ihre drei Töchter / Papst Stephanus / Stephanus, der erste Märtyrer Thaïs, Heilige und Hetäre / Theodora / Theodorus / Apostel Thomas / Timotheus / Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury / Papst Urban /  Valentin von Terni / Vedastus / Vier gekrönte Heilige / Vinzenz von Zaragoza / Vitalis, Valeria, Gervasius und Protasio / Vitus und Modestus
Inhaltsverzeichnis des Buches von:
Reglinde Rhein: Die Legende Aurea des Jacobus de Voragine.
Die Entfaltung von Heiligkeit in "Historia und Doctrina".

Köln u.a.: Böhlau 1995, 308 S.


Typen der Legenden