Samstag, 30. Dezember 2017

Raimundus Lullus - Dialog mit den Wissenschaften - Dialog der Religionen (aktualisiert)

Auf den 700. Todestag vorausblickend:
Plakat auf der Frankfurter Buchmesse 2015


Der Mallorquiner Ramon Llull (1232-1316), so sein katalanischer Name (mittelalterliche Schreibweise: Lull oder Lullus), gehört zu den faszinierendsten, genialen, aber durchaus auch ambivalenten Gestalten auf der Bruchlinie zwischen Christentum und Islam, die sich auch durch seine Heimat zog, die Insel Mallorca. Llull gehört zur ersten Generation derer, die wieder eine christliche Herrschaft auf dieser Mittelmeerinsel erlebten.
Aber was noch wichtiger ist: Überzeugt vom christlichen Glauben als wahrem Heilsweg, sieht er die Möglichkeit, über durch Vernunft gelenkte Diskurse mit Menschen anderen religiöser Traditionen diese zu der Wahrheit des christlichen Glaubens hinzuführen. Hinter dem Gottesglauben von Juden und Muslimen, sieht er nämlich den einen Gott, der die ausgeformten Religionen übersteigt. Damit gehört er zu den ersten christlichen Theologen überhaupt, die sich auf einen ehrlichen Dialog mit dem Islam einlassen. Er wagt es denkend zu argumentieren, dass Juden, Christen und Muslime an den einen Gott glauben, dass sie der gemeinsame Monotheismus trotz aller Unterschiede verbindet. Allerdings möchte er dies mit Hilfe der Trinität als hermeneutischem Kriterium nachweisen. Das zeigt sein christliche Missionsintention, aber auch die konsequente Ablehnung von Gewalt und Zwangsbekehrung von Muslimen, die er ja auf Mallorca unmittelbar erlebte. Gleichzeitig lässt sich eine Aktualität des Dialogisierens entdecken, zumal gerade heutige Theologen wie Raimon Panikkar und Jürgen Moltmann diesen Versuch unter heutigen Bedingungen wieder aufnehmen.

Annemarie Mayer: Drei Religionen - ein Gott.
Ramon Llulls interreligiöse Diskussion der Eigenschaften Gottes.

Freiburg u.a.: Herder 2008, XII, 481 S.

Die Mitarbeiterin am Institut für Ökumenische Forschung in Tübingen, Annemarie Mayer hebt mit der Zielrichtung ihrer Arbeit genau auf dieses interreligiöse Interesse ab und sieht in der Diskussion Llulls um die Eigenschaften Gottes, wie sie Juden, Christen und Muslime sehen, die Chance nicht nur eine theologiegeschichtliche Habilitation zu schreiben, sondern einen Beitrag zu einem fundierten interreligiösen Diskurs der Abrahamsreligionen, um damit „eine Auseinandersetzung mit der Position Lulls vor dem Hintergrund der Gegenwartstheologie“ (S. 41) zu leisten. Dieser dialogischen Ansatz wird nun schwerpunktmäßig an Lulls „Buch vom Heiden und den drei Weisen“ / Llibre del gentil e dels tres savis ( = Heide, Jude, Christ, Sarazene/Muslim) durchgespielt, indem nicht einfach die Eigenschaften Gottes im Christentum, Judentum und Islam referiert werden, sondern so, dass das „Dass“ und das „Wie“ der Existenz Gottes in verschiedenen Glaubensaussagen, damit auch an den jeweiligen Glaubensbekenntnissen der drei Religionen, geprüft wird. Die fast raffinierte hermeneutische Methode Llulls besteht nun darin, Substanz-Aussagen nicht als endgültig zuzulassen, sondern die Eigenschaften Gottes in ihre jeweiligen Relationen – und das heißt auch, in den betreffenden Weltbezug zu setzen. Der „arabische“ Christ Llull versucht auf diese Weise die anti-trinitarische Argumentation im Islam auszuhebeln, ohne in anti-islamische Polemik zu verfallen.
Nachdem Annemarie Mayer den unterschiedlichen Ebenen von Eigenschaften und Existenz Gottes in Llulls Argumentation sorgfältig nachgegangen ist und auch die verschiedenen, oft genug abweichenden Äußerungen von Llull-Forschern miteinander verglichen hat, stellt sie die Frage, ob Juden, Christen und Muslime an denselben Gott glauben:
„Lull beantwortet diese Frage zwar mit Ja. Er nimmt nicht verschiedene Monotheismen in Judentum, Christentum und Islam an. Allerdings geht er dennoch von erheblichen Unterschieden im Gottesbild dieser drei Religionen aus: Lulls Gott, der christliche Gott, ist Person und handelt. Trifft dies auch auf Allah und Jahwe zu? Laut Lull insofern nicht, als im Islam und Judentum Gott die Momente des Mitseins und der Relationalität fehlen! Der trinitarische Gott offenbart sich (auch in der Schöpfung) und ist mit der Welt solidarisch … Der Vorwurf Lulls an die anderen beiden Religionen lautet: In ihrem Gottesdenken sei Gott nicht ab aeterno gut, da er vor der Schöpfung nur als potentiell gut gedacht werde; das bonum müsse aber immer diffusum sui sein, da dies sein Wesen ausmache“ (S. 415).
Das heißt doch nichts anderes, als dass Gott mit seinen verschiedenen Eigenschaften logischerweise konsequent nur trinitarisch sein kann. Juden und Muslime berücksichtigen zu wenig, dass die Wesenzüge Gottes sich in seiner Offenbarung (als relational) realisieren. Diese Argumentation sichert Llull über die Seinslehre (Ontologie) ab und verbindet die Frage nach dem Heil mit der religiösen Wahrheit, die einzig und nicht vielfältig ist. Den damit eigentlich unvermeidlichen Konflikt mit dem Islam und dem Judentum entschärft er dadurch, dass er Wahrheit auch in anderen Religionen erkennen kann, ähnlich wie schließlich im 20. Jh. das 2. Vatikanische Konzil argumentierte.
Historisch sei angemerkt, dass Llull selbst unter dem König Jaime II. erreicht hatte, dass 1276 an der Westküste Mallorcas, in Miramar, ein Kolleg errichtet wurde, in dem die Mönche orientalische Sprachen lernten und mit den Bräuchen anderer Völker vertraut gemacht wurden, um sie schließlich zum Christentum durch Überzeugungskraft zu bekehren. Dazu schrieb er ein praktisch-theologisches Programm, die „Ars Magna“, in der die Grundpositionen des Llibre del gentil wieder auftauchen.
Annemarie Mayer bestätigt im Grunde mit ihrer Arbeit, dass Llulls religions-ökumenische Theologie darin gipfelt, allen Menschen das Beste dieser und jener Welt anzubieten, so wie es Christus von Gott her gelehrt hatte. Er entwickelte von daher nicht nur eine mögliche Umorganisation der Kirche und des Vatikans, sondern auch Gedanken einer Weltkonferenz für den Frieden, eines überstaatlichen Gremiums, das die moralische Kraft und Qualität hätte, den Weltfrieden zu sichern. In diesen Überlegungen spiegeln sich bereits Gedanken eines Parlaments der Weltreligionen (CPWR,) wie dies 1893, dann 1993 jeweils in Chicago, 1999 in Kapstadt und schließlich 2004 in Kataloniens Hauptstadt Barcelona praktisch wurde. Mission und Bekehrung der Andersgläubigen blieb zwar weiterhin Llulls Ziel, allerdings ohne die Anwendung von Gewalt, allein durch das dialogische Gespräch. Dieses ist darum möglich, weil nach Llulls Auffassung Christen, Muslime und Juden menschlich auf derselben Ebene stehen und sich darum ganz frei mit dem Heilsangebot in Jesus Christus auseinandersetzen können.
Für diese umfassende und sorgsam – gerade auch an den katalanischen Quellen – recherchierte Habilitation kann man im Blick auf das heutige interreligiöse Gespräch nur dankbar sein, sieht man doch trotz aller theologischen Polemik und Verurteilungen eine Linie des Dialogischen seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart wirken, und zwar auf der Ebene des Respekts auf der Basis unbestrittener gleichwertiger Menschlichkeit, welcher Religion auch immer die Gesprächspartner angehören mögen. Dies hat Annemarie Mayer an Ramon Llull deutlich herausgehoben.

Vgl. auch Peter Walter (Freiburg/Br.): Muss(te) Raimundus Lullus scheitern?
Die Möglichkeiten des Religionsdialogs damals und heute (aaO S. 50-67).
In: Ludger Lieb / Klaus Oschema / Johannes Heil (Hg.):
Abrahams Erbe: Konkurrenz, Konflikt und Koexistenz der Religionen
im europäischen Mittelalter.

Das Mittelalter. Perspektiven mediävistischer Forschung. Beiheft 2
Berlin: De Gruyter 2015, 632 S., Register




Das Buch vom Freund
und dem Geliebten.
Katalanisch-Deutsch
Hamburg-Lehmweg
2016, 233 S.
  • Ramon Llull - 700 Jahre: 1316 - 2016
    Liebender und Geliebter (SZ online, 29.08.2016)
  •  Ramon Lull: Buch vom Heiden
    und den drei Weisen. 
    Freiburg u.a.: Herder 1986 - mit Kommentaren von
    Raimon Panikkar, Anthony Bonner, Charles Lohr, Hermann Herder.  
  • Ramon Llull: Buch vom Heiden und den drei Weisen.
    Stuttgart: Reclam 1998

     Rezension in der FAZ, 14.08.1998  
  • Lulle et la condamnation de 1277. La Déclaration de Raymond écrite sous forme de dialogue. Louvain-La-Neuve, Leuven, Paris 2006.
  • Amador Vega: Ramon Llull y el secreto de la vida
    (Llull und das Geheimnis des Lebens). Madrid: Siruela 2002

    Der Religionsphilosoph A. Vega (Barcelona) beschreibt Ramon Llull unter drei Gesichtspunkten:
    1. Geheimnis des Lebens:
        Konversion, Studium, Kontemplation, Botschaft
    2.  Weisheit und Kompassion 
    3.  Durchbruch zu einer "Alchemie der Sprache."

Einführung zu Ramon Llull mit weiteren Literaturhinweisen
  • Reinhard Kirste: Spuren einer größeren Ökumene. Ramon Llull und Mallorca. In Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.):  Hoffnungszeichen globaler Gemeinschaft. Religionen im Gespräch Bd. 6 (RIG 6).
    Balve: Zimmermann 2000, S. 390-395.
    --- 
    Download als PDF-Datei: hier
  • Peter Bexte / Werner Künzel: Die Ars des Raimundus Lullus.
    Eine mediterrane Kommunikationslogik. In:
    Gereon Sievernich / Henrik Budde (Hg.): Lesebuch zur Ausstellung
    "Europa und der Orient". Ausstellung der Berliner Festspiele. Berlin 1989, S. 38-42
  • Peter Bexte / Werner Künzel: Die Ars des Raimundus Lullus. Berlin 1989
    Exzerpt: hier
  • Knut Martin Stünkel: Una sit religio.
    Religionsbegriffe und Begriffstopologien bei Cusanus, Llull und Maimonides.
    Würzburg: Königshausen & Neumann 2013, 210 S.
  • Itinerarios Históricos en las Islas Baleares
    im Zusammenhang von
    Conquista y Reino Privativo --- La Ruta de Ramon Llull
Reinhard Kirste 

CC 
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Eine befreiungstheologische islamische Hermeneutik: Farid Esack



Der südafrikanische islamische Theologe Farid Esack (geb. 1959) gehört zu den progressivsten Denkern und Koranauslegern. Auf dem Hintergrund des Kampfes gegen die Apartheid ist in Südafrika nicht nur eine interreligiöse Solidarität entstanden, sondern es hat sich auch eine befreiungstheologische Lesart des Korans entwickelt.

Seine Intentionen, die er besonders in dem Buch „On Being a Muslim“ deutlich macht[1] gehen dahin, dass er den Islam als einen Weg zwischen de-humanisierendem Fundamentalismus und veraltetem Traditionalismus hin zu einem aktualisierenden Verständnis des Islam erkennt. Dieser Islam zeichnet sich durch soziale Gerechtigkeit, individuelle Freiheit und die Suche nach dem Transzendenten aus. Sie sind wichtiger als die institutionell-religiösen Strukturen und sich verfestigende Auslegungen des Korans. Die dort angezeigte Menschlichkeit ist die Triebkraft, sich für einer menschlichere und gerechtere Welt so einzusetzen, so dass die Menschen wirklich frei sind und aus freiem Willen heraus Gott zum Zentrum ihres Lebens zu machen.
Quellen des Muslim-Seins
Von dem Zentrum her: „Mit Gott zu sein“ (On Being with Allah“) wird auch das eigene Selbstverständnis erneuert („On Being with Myself“). Daraus erwächst die Beziehung zum anderen, indem er den Koran als Leitmotiv wählt, dessen Aussagen er in den eigenen Erfahrungen spiegelt. Sie gipfeln in der Ermutigung, für andere da zu sein. Angesichts solcher persönlicher und gesellschaftlicher Verantwortung kann man Religion und Politik nicht voneinander trennen. Es geht von daher nicht an, in apolitischen persönlichen Religiosität zu versinken,, um die eigene Erlösung zu suchen. So lässt sich die Welt nicht retten, vielmehr gilt es bisherige Unterdrückungsmechanismen aufzuzeigen. Dies gilt auch im Verhältnis von Mann und Frau. Von den Barmherzigkeits- und Freundlichkeitsaussagen des Korans her fordert er die gesetzliche Gleichstellung der Geschlechter. Nicht der Islam ist das Problem im Blick auf die Ungleichheiten von Mann und Frau, sondern die Dominanz der Männer bei der zeitgenössischen Interpretation des islamischen Gesetzes. Ähnliches gilt für alle Formen rassistisch motivierter Unterdrückung. Im Blick auf Südafrika zeigt sich hier ein besonders beunruhigender Zusammenhang zwischen Apartheid und Sexismus.
Die aktualisierende Korandeutung
Esacks aktualisierende Korandeutung geht weg von einlinigen und einseitigen Interpretationen. Zum einen bezieht sich Deutung auf die eigene, gegenwärtige Situation und zum anderen auf die Situation zur Zeit des Propheten. Dieses Verständnis setzt sich in ethisches Handeln um. Diese Ethik basiert in der Schöpfungsverantwortung vor Gott. Daraus folgt, dass Menschen, welchen Glaubens, welcher Rasse, welchen Volkes auch immer mit der von Gott ausgezeichneten Würde behandelt werden müssen. Die anzustrebende Wahrheit wendet sich gegen Vorurteile und Verschwörungstheorien. Diese entstehen nämlich, wenn Menschen sich nicht mit der von Gott eingeforderten Weltverantwortung und Wahrheit auseinandersetzen wollen und damit Gewalt und Erniedrigung sogar noch für rechtens reklamieren.
Befreiung und Pluralität – die Freiheit aus dem Koran
Es ist nicht verwunderlich, dass angesichts vielfältiger Koranauslegung besonders konservative Theologen, die jede Form von fitnah (= Unordnung / Zwietracht) vermeiden wollen, Esacks revolutionären Ansätze ablehnen. Interessanterweise hat dieser Ansatz auch die Beziehung zu Christen gefördert, die gerade in Südafrika aus ihrer Bibel-Interpretation heraus zu ähnlichen Ergebnissen kamen.
Sein Buch zum Koran, zur Befreiung und zum Pluralismus [2] versteht er darum als eine interreligiöse Perspektive, die die Solidarität aller Menschen guten Willens beinhaltet. So entwickelt sich aus dem bisherigen Verständnis heraus ein Vorgehen gegen gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Ausbeutung sowie unterdrückter und marginalisierter Personengruppen in Südafrika. Ein intensiv praktizierter Islam steht über traditionellen quasi dogmatischen Vorgaben: „Dogma may precede praxis, but not in a theology that is committed to liberation[3]. Es ist aber zugleich eine Befreiung, die sich auf die Friedensaussagen im Koran stützt und sie zum hermeneutischen Leitmotiv erhebt. Gleichzeitig ist offenkundig, dass Esacks Anti-Apartheid-Engagement in Südafrika von seinem Koranverständnis her motiviert ist. So entwickelt er eine ‚Islamische Befreiungstheologie’ deren Verwandtschaft mit Strömungen der christlichen Befreiungstheologie Lateinamerikas offenkundig ist.
Hermeneutisch legt er darum Wert drauf, die Offenbarung immer im Zusammenhang ihres Kontextes zu sehen, und zwar in immerwährender Interaktion im Sinne von tadrij, also fortschreitender Offenbarung. Diese Interaktion muss nun von Theologen und Nichttheologen gleichermaßen gestaltet werden, indem immer wieder islamische Verständnisse im freien Diskurs aufeinandertreffen und Bedeutungen für die Gegenwart herausarbeiten. Dabei werden vier hermeneutische Vorgaben benannt, die auch der traditionellen Koranauslegung bekannt sind:
1.     Tawhid, die gleichzeitige Ganzheit und Einheit Gottes
2.     Das Einbeziehen der al-mustad’afun fi’l ard, das heißt der Unterdrückten und derjenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen
3.     ‚Adl wa qist, die Harmonie aus Balance und Gerechtigkeit, sowie als Besonderheit:
  1. jihad-as-praxis[4] (S. 108), die Anstrengung in der Praxis des Glaubens.
Der Koran selbst gibt Esack für den interreligiösen Dialog die Möglichkeit, die Differenzierung von „Self“, also den eigenen muslimischen Glauben vom „Other“, also den Überzeugungen Andersgläubiger abzugrenzen, aber den anderen dabei nicht auszugrenzen. Ohne religiöse Identität ist keine interreligiöse Begegnung möglich, sie ist aber in einer pluralen Gesellschaft notwendig. Darum wehrt er sich gegen Absolutheitsansprüche der Religionen und fordert die Akzeptanz und Würdigung der Vielfalt von Religionen ein, weil sie alle von Gott kommen („He is above all forms of service to Him“). Nur durch cross-cultural interfaith solidarity sei wirkliche Befreiung möglich.
Für Farid Esack ist also das Tor des Idjtihad, d.h. die Weiterentwicklung der Koranauslegung nie geschlossen worden, auch wenn es solche Behauptungen gibt. Theologie ist ein ständig fortdauernder Prozess. Die Geschichte allein verbietet Auslegungen, die ein für alle mal und ewig festgelegt gelten. Dies gilt gleichermaßen des Korans und auch der Bibel als Offenbarungen Gottes, die heutige Antworten herausfordern.
Reinhard Kirste

Relpäd/Esack-Hermeneutik, bearbeitet 09.12.13
CC


[1]  On Being a Muslim: Finding a Religious Path in the World Today. Oxford: Oneworld 1999
Rezension zu:
 On Being a Muslim
[2]  ESACK, Farid: Qur’an, Liberation and Pluralism. An Islamic Perspective of Interreligious Solidarity
Against Oppression. Oxford: Oneworld 1997 --- Rezension hier zu:
Qur´an,Liberation & Pluralism
[3]   Esack aaO 85
[4]   Esack aaO 108

Sonntag, 24. Dezember 2017

Leo Lebendig und das Friedenslicht der Religionen (aktualisiert)


Lichtinstallation in der Kirche
 Dortmund-Brackel
Der  "Lichtmaler" Leo Lebendig aus Dortmund hat seit 2005 mehrere Kunst-Projekt entwickelt, die die  kollektive Sehnsucht nach einem zukünftigen friedlichen Miteinander der Kulturen als visuelle Projektionen aufnehmen: Judentum, Christentum und Islam er-scheinen z.B. als Lichtkugel oder Leuchtzeichen:
So wird die Installation des Lichtkörpers an besonderen religiös/kulturell geprägten Orten als ein Zeichen für die gegenseitige Achtung der jeweils Anderen verstanden: Die Ausübung der unterschiedlichen Religionen im eigenen, nachbarschaftlich erlebten Milieu - sei sie städtisch-regional und damit unmittelbar oder international, d.h. medial vermittelt gelebt - bedeutet im kommunalen, nationalen und internationalen Kontext identische Vielfalt, schenkt Leben.


Die Projekte von Leo Lebendig von 2005-2016


Die Jury des INTR°A-Projektpreises für Komplementarität der Religionen hatte für das Jahr 2012 das Projekt "Friedenslicht der Religionen" von Leo Lebendig ausgewählt.
Der mit 5000 € dotierte Preis wurde im Rahmen der Jahrestagung der Interreligiösen Arbeitsstelle (INTR°A) am 4. November 2012 in Schloss Eichholz (Wesseling bei Bonn) verliehen. Bericht zur Preisverleihung: hier

Coloured Black Oktogon
bei der Langen Nacht der Religionen Berlin
17.09.2016











PROJEKTE und REALISIERUNGEN


Friedenslicht 2011 in der Dormitio-Abtei Jerusalem

Biografisches zu Leo Lebendig 
Leo Lebendig (Hans Jürgen Troegel) wurde 1939 kurz vor Kriegsbeginn in Arnsberg im Sauerland geboren. Im Nachkriegsdeutschland wächst er, frühzeitg zu gestalterischer Tätigkeit angeleitet, in Auseinandersetzung mit dem Versuch des Begreifens der historischen Vergangenheit  und des Erwerbs der Bildsprache der nun geltenden »Abstrakten Kunst» auf. Heute, zu Beginn des neuen Jahrtausends und im Bewusstsein der die Menschheit tödlich bedrohenden Gefahren, umschreibt Leo Lebendig seine Tätigkeit als Licht-Maler mit dem Begriff : "Initiatorische Kunst" – "Sie markiert die Fahrt des Geistes auf den Wellen des Lichts und öffnet der Seele das Tor zum Lebendigen".
Leo Lebendigs künstlerischer Weg ist bestimmt durch die Dialektik von Produktion und Reflexion. Die ständige Ist-Wert-Bestimmung der schöpferischen Tat als eines intentionalen Artefakts führt zu stets neuen Phasen der Kunst- und Lebensbewältigung.
Kunst ist ...
Sehnsucht, in den Dingen zu sein.  1964
Sehnsucht, in den Menschen zu sein.  1973
Sehnsucht, in mir selbst zu sein.  1984
Sein – Mensch sein.  1991
Sehnen nach dem Einssein mit Gott.  2000

So stellt Leo Lebendig in den 60er Jahren, noch mit seinem Geburtsnamen Hans Jürgen Troegel signiert, von der Liebe zu Miró durchdrungene kalligraphische Bilder aus – 
erklärt im nächsten Jahrzehnt den Aufbau 
des freien Kommunikationszentrums«Nachbarschafts-Haus Dortmund-Wambel» 
zum Sozialen Kunstwerk – 
entdeckt in den 80er Jahren beim beidhändigen Malen sein Selbst 
und seinen Künstlernamen «Leo Lebendig» – 
begegnet im folgenden Jahrzehnt seinem «Licht des Lebens» 
und entschlüsselt sein «Lebensbild» mit dem Titel »Erkenne dich selbst, o Mensch!» oder «Alle Wege führen zu Gott».
Heute bezaubert Leo Lebendig landesweit die Besucher von Kirchen und öffentlichen Räumen durch seine raumgreifenden Lichtinszenierungen, die mit der geistigen Kraft der Farbe den nach friedlichem Zusammenleben Suchenden den Weg erhellen.



Freitag, 15. Dezember 2017

Der Rabbi, der seine Geschichten verschenkte - jüdische Erzählungen für Kinder - Beispiel: Salomo

Aus der Reihe: Geschichten
vom Himmel und der Erde
 


Das genannte Buch bietet eine anschauliche und informative Zusammenstellung aus sachlichen Informationen und erzählten Geschichten über das Judentum.
Es werden sechs Erzählungen aus der jüdischen Tradition vorgestellt. Dabei handelt es sich sowohl um Geschichten aus dem sogenannten "Midrasch", einer jüdischen Textsammlung, als auch aus verschiedenen Jahrhunderten (2.; 12.; 16.; 18.). Über jedem Text werden in eindrucksvollen Illustrationen die ersten sechs Buchstaben des hebräischen Alphabets dargestellt und in einem kleinen Nebentext in Ursprung und Bedeutung erläutert. Auch zu den Textinhalten, einzelnen Begriffen oder speziellen jüdischen Gebräuchen werden in kleinen Begleittexten oder anhand von Landkarten, Zeichnungen und Bildern Zusatzinformationen oder Erklärungen geboten.
Nach den sechs Geschichten sind auf sieben Seiten konkrete Sachinformationen über die Geschichte, die Feste und Gebräuche des Judentums übersichtlich, leicht verständlich und übersichtlich zusammen gestellt.
  
Die Geschichte von König Salomo(n)
 Einst lebte auf der Erde ein sehr mächtiger, reicher und weise König. Sein Name war Salomon. Auch sein Vater David war ein großer König gewesen. Bevor David starb hatte Salomon ihm versprochen einen prächtigen Tempel zu bauen. Als nun Salomon einen passenden Ort suchte, an dem der Tempel gebaut werden sollte, stieß er immer wieder auf Probleme. Einmal wurde das Fundament von Wasser überflutet und ein anderes Mal gab es ein schreckliches Erdbeben.
Da wurde Salomon sehr traurig und fing an zu grübeln. Da er die Gabe hatte mit den Tieren zu sprechen, fragte er die Vögel: "Könnt ihr mir einen Ort sagen, an dem ich meinen Tempel bauen kann?" Aber auch die Vögel konnten ihm nicht helfen.
Eines nachts konnte Salomon nicht schlafen, weil er nicht mehr wusste, was er noch machen sollte. Da machte er sich unbemerkt auf den Weg durch die Straßen Jerusalems hinaus vor die Stadt bis an den Fuß des Berges Moria. Dort blickte er zu den Sternen und bat u Hilfe. Doch er bekam keine Antwort. Unglücklich setzte er sich unter einen alten Olivenbaum und begann zu weinen.
Einige Zeit später bemerkte Salomon Geräusche von den Feldern, das in der Nähe lag. Aus sicherer Entfernung konnte er beobachten, wie ein Mann heimlich einige Weizengarben von einem Feld auf ein anderes trug und dann in der Dunkelheit verschwand. Salomon ärgerte sich sehr über den unverschämten Dieb und nahm sich vor ihn am nächsten Tag zu bestrafen. Gerade wollte er aufstehen und gehen, als er einen weiteren Mann auf den Feldern bemerkte. Dieser nun trug die besagten Weizengarben wieder zurück auf das andere Feld und schlich sich dann auch heimlich davon. Salomon wurde sehr wütend: "Morgen werde ich diese beiden Diebe hart für das bestrafen, was sie getan haben!" Da hörte er hinter sich im Baum eine Grille, die zu ihm sprach: "Sei geduldig, großer König! Verschone die beiden Männer morgen und komm in der nächsten Nacht noch einmal vorbei. Ich verspreche dir, du wirst es verstehen."
Salomon wartete am nächsten Tag ungeduldig auf die Nacht und schlich sich erneut hinaus vor die Stadt und setzte sich unter den alten Olivenbaum. Nach kurzer  Zeit bereits sah er auf den Feldern die beiden Männer. Sie kamen aus zwei verschiedenen Richtungen und hielten beide eine Weizengarbe in den Armen. Als sie sich näher kamen, blickten sie sich erschrocken an, ließen die Weizengarben fallen und fielen sich plötzlich weinend in die Arme.
Salomon war völlig erstaunt. Er hatte kurz zuvor auf das Feld laufen wollen, um einen Streit zwischen den Männern zu verhindern und nun lagen sie sich in den Armen. Jetzt wollte er wissen, was das zu bedeuten hatte und ging zu den Männern auf das Feld. Er gab sich zu erkennen und sagte: "Was ist hier los? Gestern Nacht habe ich gesehen, wie jeder dem anderen einige Weizengarben vom Feld gestohlen hat und jetzt habt ihr euch selber dabei erwischt und seid dennoch nicht böse aufeinander?
Die beiden Männer waren verblüfft den König zu sehen und versuchten sich zu erklären: Der jüngere Man sagte zunächst: "Mein Herr, ich habe in meinem Leben noch nie gestohlen! Der Weizen, den ich auf das Feld getragen habe, war mein eigener. Ich habe ihn auf das Feld meines Bruders gestellt. Wir haben jeder eine Hälfte des Feldes unseres Vaters geerbt. Mein Bruder hat eine Frau und drei Kinder und ich bin alleine. Er braucht viel mehr Weizen als ich. Diese wollte ich ihm heimlich schenken, da er nichts von mir annehmen möchte."
Der ätere Bruder sagte daraufhin: "Es beschämt mich, mein Herr, dass ihr glaubtet ich wäre ein Dieb. Mein Bruder lebt ganz alleine und muss seine Arbeiter bezahlen. Ich habe meine Familie, die mir auf dem Feld helfen kann. Auch ich wollte ihm im Schutz der Nacht ein paar meiner Garben schenken, damit er nichts davon merkt."
Salomon war sehr gerührt von der Fürsorge der beiden Brüder und schloss sie in seine Arme: "Bitte entschuldigt, dass ich euch für Diebe gehalten habe. Ich bewundere euch für eure Güte. Ich bitte euch aber darum, mir eure Felder zu verkaufen. Denn dies ist der würdigste Ort, um hier das Heiligtum Gottes zu errichten." Die Brüder erfüllten die Bitte ihres Königs gerne und bald darauf wurde der Tempel dort errichtet, wo die Weizengarben und der Olivenbaum gestanden hatten. Ohne ein weiteres Unglück konnte der Bau des prächtigen Tempels fertig gestellt werden.  

Lisa Roland und Pia Sommer
im Rahmen eines Seminars zum interreligiösen Lernen
 an der TU Dortmund, bearbeitet, 15.12.2017

CC

Montag, 11. Dezember 2017

Meister Eckhart (um 1260-1327/28) - Los-Lassen (aktualisiert)

Unterricht im Mittelalter,
Holzschnitt, Köln 1508 (Buchcover)
Wenn auch vom Leben des großen Mystikers und Theologen wenig bekannt ist, lässt sich doch eine dramatische Biografie rekonstruieren. Sie beinhaltet in besonderer Weise das mönchische Ideal "Bete und Arbeite." Meister Eckharts Denken umspannt theologische Klarheit und pastorale Verständlichkeit. Dem von den Bildungsintentionen der Dominikaner geprägten Theologen gelingt es in geradezu genialer Weise wissenschaftliche Präzision der Scholastik mit eigenen spirituellen und meditativen Erfahrungen zu verbinden. 
Wo - wie bei Meister Eckhart - Spiritualität auch sprachliche Kreativität freisetzt, eröffnen sich hilfreiche Annäherungsmöglichkeiten an die Tiefe des Seelengrundes im Horizont eines nicht-personalen Gottesbildes. So erscheinen vielfältige  Konturen der "unio mystica." 

Zusammen mit Heinrich Seuse und Johannes Tauler bilden diese drei Mystiker eine Art "Dreigestirn" der Rheinischen Mystik.

Die Rheinische Mystik ist vom Neuplatonismus wesentlich beeinflusst.

Texte von Meister Eckhart

An Meister Eckharts Leben und seinem Wirken zwischen Erfurt, Straßburg, Köln und Paris, und umso mehr in seinen Werken (man denke z.B. an seine Vorreden), wird deutlich, dass man Gott nicht haben kann, sondern dass der Mensch loslassen muss. Er muss gewissermaßen "wegtreten" - in die „Abgeschiedenheit“, ein Begriff der für Meister Eckhart ausgesprochen wichtig ist.
 
Abgeschiedenheit und "lediges Gemüt"
„Das kräftigste Gebet und nahezu das allmächtigste, alle Dinge zu erwerben, und das allerwürdigste Werk vor allen Dingen, das ist (jenes), das da hervorgeht aus einem ledigen Gemüt. Je lediger das ist, je kräftiger, würdiger, von größerem Nutzen und löblicher und vollkommener ist das Gebet und das Werk. Das ledige Gemüt vermag alle Dinge“ (Stachel, aaO S. 62).
Was ist ein lediges Gemüt?
Das ist ein lediges Gemüt, das von nichts verwirrt ist, noch an nichts gebunden ist, noch das sein Bestes (d.i. das Beste des Gemüts) in irgendeiner Weise gebunden hat, noch an das Seine jemals denkt, bei irgendwelchen Dingen, als (vielmehr) allzumal in dem liebsten Willen Gottes versunken ist und aus dem Seinen ausgegangen ist. Nimmer kann der Mensch ein noch so geringes Werk wirken, er nehme denn hieraus seine Kraft und sein Vermögen.
Also kräftig soll man beten, dass man wollte, dass alle Glieder des Menschen und Kräfte, alles: Augen, Ohren, Mund, Herz und alle Sinne dahin gekehrt wären; und man soll nicht aufhören, ehe man findet, dass man sich will einen mit dem, den man gegenwärtig hat und dem man das Gebet spricht, das ist Gott“ (Stachel, aaO S. 62).
Von dem nützlichen Lassen, von innen und außen zu tun
Du sollst wissen, dass sich kein einziger Mensch so viel gelassen hätte in diesem Leben, er fände nicht dennoch mehr zu lassen. Der Leute sind wenig, die dies recht wahrnehmen und darin Bestand haben. Es ist ganz und gar ein gleicher Gütertausch und ein gleicher Handel: Soviel du ausgehst aus allen Dingen, so viel, weder weniger noch mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen, wie du zugleich ausgehst aus dem Deinen in allen Dingen. Da hebe an und das lass dich alles kosten, was du zu leisten vermagst. Da findest du wahren Frieden und nirgendwo anders.
Die Leute sollen niemals viele Gedanken darauf verwenden, was sie täten; sie sollten aber Gedanken darauf verwenden, was sie wären. Wären nun die Leute gut und ihre Weise, so könnten ihre Werke sehr leuchten: Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Man gedenke nicht Heiligkeit auf ein Tun zu gründen; man soll Heiligkeit auf ein Sein gründen, denn nicht die Werke heiligen uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig auch die Werke immer seien, so heiligen sie uns allzumal nicht, insofern sie Werke sind. Es gilt vielmehr: insofern wir heilig sind und (heiliges) Sein haben, insofern heiligen wir alle unsere Werke, sei es Essen, Schlafen, Wachen oder was immer es sei. Die nicht von grossem Sein sind, was für Werke sie auch wirken, da wird nichts draus. Merke also, dass man allen Fleiss darauf wenden soll, dass man gut sei, nicht so sehr, was man tue oder von welcherlei Art die Werke seien, sondern wie der Grund der Werke sei.“ (Stachel, aaO S. 64f)
Von der Abgeschiedenheit und vom Gott-Haben
Wer aber Gott in Wahrheit recht hat, der hat ihn an allen Orten und auf der Strasse und bei allen Leuten so wohl, wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle, sei es, dass er ihn anders recht hat, sei es, dass er ihn allein hat (in der Einsamkeit hat), den Menschen kann niemand hindern.
Warum?
Da hat er allein Gott und meint allein Gott, und alle Dinge werden ihm lauter Gott. Dieser Mensch trägt Gott in all seinen Werken und an allen Orten, und alle Werke dieses Menschen, die wirkt Gott mit Lauterkeit; denn wer das Werk verursacht, dessen ist das Werk eigentlicher und wahrhaftiger als dessen, der da das Werk wirkt. Richten wir denn unsere Gesinnung mit Lauterkeit und allein auf Gott, in Wahrheit, so muss er unsere Werke wirken, und in all seinen Werken kann ihn niemand hindern, weder eine Menschenmenge, noch Orte. Also kann diesen Menschen niemand hindern; denn er beabsichtigt nichts, und sucht nichts, und es schmeckt ihm nichts als Gott allein; denn der wird dem Menschen in allem, was er beabsichtigt, geeint. Und so wie keine Mannigfaltigkeit Gottes zerstreuen kann, ebenso kann diesen Menschen nichts zerstreuen, noch in Mannigfaltigkeit bringen, denn er ist eines in dem einen, wo alle Mannigfaltigkeit eines ist und eine Nicht-Mannigfaltigkeit ist“ (Stachel, aaO S. 66f) ... 
Die Einung der Seele mit der Göttlichkeit
aus: Amy Hollywood:
The Soul as Virgin Wife (s.u.)
In Gott verwandelt werden
„Wir werden gänzlich transformiert und in Gott verwandelt“ (2. Kor. 3,18). Bedenke ein Gleichnis. In der gleichen Weise, wie im Sakrament das Brot in unseres Herrn Leib verwandelt wird - und zwar, wie viele Brote es auch wären, es wird doch nur ein Leib Christi -, in der gleichen Weise würde, wenn alle Brote in meinen Finger verwandelt wären, doch nur ein Finger dasein. Wiederum würde mein Finger in das Brot verwandelt, so wäre dies soviel, wie jenes wäre. Was in ein anderes verwandelt wird, das wird eins mit ihm. Genauso werde ich umgewandelt in ihn, dass er mich wirkt als sein Sein, und zwar als eines, nicht mehr als gleiches - und bei dem lebendigen Gott, es ist wahr, dass da kein Unterschied mehr ist!
Der Vater gebiert seinen Sohn ohne Unterlass. Wenn nun der Sohn geboren ist, dann nimmt er nichts mehr vom Vater, denn er hat alles; nur indem er geboren wird, da nimmt er vom Vater. Demgemäß sollen wir auch von Gott nichts begehren wie von einem Fremden. Unser Herr sprach zu seinen Jüngern: „Ich habe euch nicht ‘Knechte’ geheißen, sondern ‘Freunde’ “ (Joh. 15,14f.). Was etwas begehrt von anderen, das ist „Knecht“, was aber gewährt, das ist „Herr“. Ich habe neulich darüber nachgedacht, ob ich von Gott etwas nehmen oder begehren wollte. Ich will da sehr ernsthaft mit mir zu Rate gehen; denn wenn ich einer wäre, der von Gott nimmt, so wäre ich unter Gott wie ein Knecht und er mir gegenüber in seinem Geben wie ein Herr. Ich sagte hier einmal, und das ist auch wahr: Wenn der Mensch etwas von außerhalb seiner selbst an sich zieht oder nimmt, so ist er im Unrecht. Man soll Gott nicht aufnehmen oder ansehen als etwas, was außerhalb von einem wäre, sondern als mein eigen und als das, was in einem ist. Man soll dienen und wirken ohne ein Warum, weder um Gott noch um die eigene Ehre noch um irgendetwas, was außerhalb von einem ist, allein um das, was das eigene Sein und das eigene Leben in einem ist.
 Meister Eckhart: Der Morgenstern.
Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Hans Giesecke. Berlin: Union 1964, S. 197

Gott ist das Sein. Gott hat alles Sein in sich.
Ein Meister sagt: Alle Kreaturen sind in Gottes Nähe als ein Nichts, denn er hat aller Kreaturen Sein in sich)
Gott ist Eines.
Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum. Zeit und Raum sind Stücke, Gott aber ist Eines. Soll daher die Seele Gott erkennen, so muss sie ihn oberhalb von Zeit und Raum erkennen. Denn Gott ist weder dies noch das wie der Dinge in ihrer Mannigfaltigkeit. Gott ist eines.

Der tiefste Grund
Was ist das Sprechen Gottes? Es ist das Werk Gottes, und dieses Werk ist so edel und so erhaben, dass es Gott allein wirkt. Wisset nun, alle unsere Vollkommenheit und alle unsere Seligkeit hängt daran, dass der Mensch durchschreite und hinüberschreite über alle Geschaffenheit und alle Zeitlichkeit und alles Dasein hinaus und eingehe in den Grund, der grundlos ist“ (Der Morgenstern, aaO S. 285).

Was ist der Mensch?
„Zum ersten sagen wir, dass der ein armer Mensch sei, welcher nichts will. Diesen Sinn verstehen etliche Leute falsch - jene Leute nämlich, die mit Pönitenz und äußerlicher Übung doch nur ihr Eigenwesen beibehalten wollen, was die Leute aber für groß achten. Des erbarme Gott, dass die Leute so wenig von der göttlichen Wahrheit erkennen! Diese Menschen heißen heilig wegen der Figur, die sie nach außen machen, aber von innen sind sie Esel, denn sie erfassen gar nicht den eigentlichen Sinn der göttlichen Wahrheit. Diese Leute sagen wohl, wer nichts wolle, sei ein geistlich Armer; sie fassen das aber so auf, als müsse der Mensch derart leben, dass er nimmer und in gar nichts mehr seinen eigenen Willen erfülle, sondern dass er den allerliebsten Willen Gottes erfülle. Diese Menschen sind wohl dran, denn sie meinen es gut; wir wollen sie darum loben - Gott in seiner Barmherzigkeit wird ihnen wohl das Himmelreich gewähren.
Ich aber sage bei der göttlichen Wahrheit, dass diese Leute keine im wahren Sinne geistlich armen Menschen sind und ihnen auch nicht gleichen. Sie gelten nur für groß in der Leute Augen, die nichts besseres wissen. Doch ich behaupte, dass sie Esel sind, welche die göttliche Wahrheit gar nicht erfasst haben. Durch ihre guten Absichten mögen sie das Himmelreich bekommen; aber die Armut, über die ich jetzt sprechen will, von der wissen sie nichts.
Wenn man mich nun fragte, was denn das eigentlich sei: „ein armer Mensch, der nichts will“, darauf antworte ich und spreche also: Solange der Mensch noch in der Verfassung steht, dass er den Willen hat, Gottes allerliebsten Willen erfüllen zu wollen, solange hat er nicht die Armut, von der wir sprechen wollen; denn dieser Mensch hat ja noch einen Willen, mit dem er dem Willen Gottes Genüge tun will, und das ist die rechte Armut nicht. Denn soll der Mensch wahrhaft Armut haben, so muss er seines geschöpflichen Willens so ledig sein, wie er‘s tat, als er noch nicht war. Denn ich sage euch bei der ewigen Wahrheit, solange ihr den Willen habt, den Willen Gottes zu erfüllen, und solange ihr noch Begehren habt nach Ewigkeit und nach Gott, solange seid ihr noch gar nicht geistlich arm. Denn das nur ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts begehrt. ...
Wer dieses Etwas inne wird, der hat erfasst, worauf die Seligkeit beruht. Es hat weder Vorher noch nachher, es wartet auf nichts, das noch hinzukommen könnte, denn es kann weder gewinnen noch verlieren. Darum ist es auch dessen beraubt: irgend etwas davon zu wissen , dass Gott in ihm wirke; sondern es ist selber dasselbe, das sich selbst genießt wie Gott.
In diesem Sinne, sage ich, soll der Mensch quitt und ledig stehen, damit er nicht wisse noch erkenne, dass Gott in ihm wirke. So nur kann der Mensch Armut besitzen. ...
Ich habe vorhin gesagt, das sie ein armer Mensch, der nicht einmal den Willen Gottes erfüllen wolle, sondern so lebe, dass er seines eigenen Willens und des Willens Gottes so ledig sei, wie er‘s war, da er noch nicht war. Von dieser Armut sagen wir, dass sie die höchste Armut ist. - Zum zweiten sagen wir, das sei ein armer Mensch, der auch von dem Wirken Gottes in sich nichts weiß. Wenn jemand des Wissens und Erkennens so ledig steht, wie Gott aller Dinge ledig steht, das ist die lauterste Armut. - Aber die dritte Armut ist die innerlichste und eigentlichste; von der will ich jetzt reden. Sie besteht darin, dass der Mensch nichts hat. ...
Wir sagen also, der Mensch muss so arm stehen, dass er nicht sei noch in sich habe eine Stätte, darin Gott wirken könnte. Solange der Mensch noch irgendeine Stätte in sich behält, behält er auch den Unterschied. Darum bitte ich Gott, dass er mich Gottes quitt mache; denn mein wesenhaftes Sein ist über Gott, sofern wir Gott als Ursprung der Kreaturen auffassen; denn in jenem Wesen Gottes, darin er auch über die Wesenheit des noch in sich unterschiedenen Dreieinigen erhaben ist, da war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber, um diesen Menschen hier zu machen. Und  darum bin ich meine eigene Ursache meinem Wesen nach, das ewig ist - nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Darum bin ich ungeboren, und nach meiner ewigen Geburt Weise vermag ich nimmermehr zu sterben. Nach meiner ewigen Geburt Weise bin ich ewiglich gewesen, bin ich jetzt und werde ich ewiglich bleiben. Was ich als zeitliches Geschöpf bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist der Zeit verfallen; darum muss es mit der Zeit verderben. In meiner ewigen Geburt aber wurden alle Dinge geboren - hier war ich Ursache meiner selbst und aller Dinge. Wenn ich‘s hier gewollt hätte, so wäre weder ich noch die ganze Welt, und wenn ich nicht wäre, dann wäre auch Gott nicht; dass Gott ist, dessen bin ich Ursache - wäre ich nicht, so wäre Gott nicht Gott.
Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Solange nämlich der Mensch selber dieser Wahrheit gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen. Denn es ist eine unbedeckte Wahrheit, die da kommen ist aus dem Herzen Gottes, unmittelbar.
So leben zu dürfen, dass wir es ewiglich erfahren, dazu helfe uns Gott. Amen“ 
Meister Eckhart. Auswahl und Einleitung: Friedrich Heer.
Frankfurt/M.  Fischer TB 124, 1956
, S. 192-197

Das Meer als Symbol der Liebe Gottes

Zitate aus den Predigten in:
Meister Eckhart Jahrbuch, Bd. 9

Hg.: Corar Dietl / Dietmar Mieth: Sprachbilder und Bildersprache
bei Meister Eckhart und in seiner Zeit

Stuttgart: Kohlhammer 2015, 351 S.
Im Beitrag von Wolfgang Achtner (S. 87-117) mit dem Titel:
Eckharts Bildkritik - vom Bild zur Bildlosigkeit, S. 91, Anm. 20

Pr 80, EW II, S 164 f : Der einen tropfen würfe in daz mer, sô verwandelte sich der tropfe in daz mer und niht daz mer in den tropfen. Alsô geschihet der sêle: als sie got in sich ziuhet, sô wirt si gewandelt in got, alsô daz diu sêle götlich wirt und got niht sêle (»Wenn man einen Tropfen in das wilde Meer gösse, so verwandelte sich der Tropfen in das Meer und nicht das Meer in den Tropfen So <auch> geschieht es der Seele: Wenn Gott sie in sich zieht, so wird sie verwandelt in Gott, so daß die Seele göttlich wird, nicht aber Gott zur Seele «)
Pr 82, EW II, S 186f : Alsô wirt diu sêle vereinet in gote und beslozzen […] Dâ wirt diu sêle wunderlîche bezoubert und kumet von ir selber, als der einen tropfen wazzers güzze in eine bütten vol wînes, daz si von ir selber niht enweiz und wænet, daz si got sî. (»So auch wird die Seele mit Gott vereint und umschlossen […] Da wird die Seele auf wunderbare Weise bezaubert und verliert sich selbst, wie wenn einer einen Tropfen Wasser in eine Bütte voll Weins gösse, so daß sie von sich selbst nichts <mehr> weiß und wähnt, sie sei Gott «)
RdU, EW II, S 398f : Nie enwart sô nâhiu einunge, wan diu sêle ist vil næher mit gote vereinet dan lîp und sêle, die éinen menschen machent. Disiu einunge ist vil næher, dan der einen tropfen wazzers güzze in ein vaz wînes: dâ wære wazzer und wîn, und daz wirt alsô in ein gewandelt, daz alle crêatûren niht erkünden den underscheit vinden. (»Denn die Seele ist viel näher mit Gott vereint als Leib und Seele, die einen Menschen ausmachen Diese Einung ist viel enger, als wenn einer einen Tropfen Wassers gösse in ein Faß Wein: da wäre Wasser und Wein; das aber wird so in eins gewandelt, daß keine Kreatur den Unterschied
herauszufinden vermöchte «).


Weitere Literatur
>>>>>>
  • Erika Albrecht: Meister Eckharts sieben Grade des schauenden Lebens.
    Ein Weg zur Gotteserfahrung.
    Mit einem Nachwort von Karlfried Graf Dürckheim.
    Aachen NF. Weitz 1987, 101 S.
  • Hans Giesecke (Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet): 
    Meister Eckhart:  Der Morgenstern.
    Berlin: Union 1964 
  • Manfred Gerwing: Die metaphysischen Mitlaute bei Meister Eckhart:
    Die Erfurter Zeit des Mystikers – Neue Erkenntnisse aus der Forschung.
    ZENIT, 12.01.2007
  • Pierre Gire: Maître Eckhart et la métaphysique de l'Exode. Paris: Cerf 2006, 420 pp.
  • Friedrich Heer (Auswahl und Einleitung):
    Meister Eckhart. Frankfurt/M.: Fischer TB 124, 1956 
  • Hee-Sung Keel: Meister Eckhart, an Asian Perespective.
    Louvain Theological & Pastoral Monographs 36. 
    Leuven (B.) u.a.: Peeters 2007, 319 pp., index of names
  • Amy Hollywood: The Soul as Virgin Wife.
    Mechthild of Magdeburg, Marguerite Porete
    and Meister Eckhart.

    University of Notre Dame Press (Indiana, USA) 1995, 331 pp., Index
  • Udo Kern / Fritz Hoffmann / Heino Falcke:
    Gespräch mit Meister Eckhart.

    Aufsätze und Vorträge zur Theologie und Religionswissenschaft, Heft 77.
    Berlin: EVA 1982, 101 S.

  • P. Kleinert: Meister Eckharts mystische Theologie (14 S.)
  • Niklaus Largier: Bibliographie zu Meister Eckhart.
    Dokimion Bd. 9. Freiburg (CH): Universitätsverlag 1989, 153 S., Indices
  • Adolf Lasson: Meister Eckhart, der Mystiker.
    Zur Geschichte der religiösen Spekulation in Deutschland (1868).
    Nachdruck. Stuttgart: Magnus o.J., 354 S.
  • Meister-Eckhart-Jahrbuch, Bd. 5,
    Hg.: Rolf Schönberger und Stephan Grotz:
    Was denkt der Meister?
    Philosophische Zugänge zu Meister Eckhart. 

    Stuttgart: Kohlhammer 2012, 198 S., Sachregister
  • Dietmar Mieth: Meister Eckhart: Mystik und Lebenskunst. Düsseldorf: Patmos 2004, 210 S.
  • Josef Quindt (Übers. und Hg.):
    Meister Eckehart. De
    utsche Predigten und Traktate.
    Darmstadt: WBG (Lizenz: Carl Hanser 1963), 547 S.
  • Fatemeh Rahmati: Fern oder doch nah?
    Gottesschau - Gotteserfahrung in islamischer und christlicher Mystik
    am Beispiel von Ibn 'Arabi und Meister Eckhart (academia.edu, o.J., 9 S.)
  • Stachel, Günter (Hg., übers. und kommentiert):
    Meister Eckhart. Alles lassen – einswerden.
    Mystische Texte - Reden der Unterscheidung und Predigten. München: Kösel 1992
  • Stachel, Günter (Hg., übers., kommentiert):
    Meister Eckhart: Das Buch der göttlichen Tröstungen / Vom edlen Menschen.

    --- München: Kösel 1996, 192 S.
  • Stachel, Günter (Hg., übers. und kommentiert):
    Gottesgeburt. Mystische Predigten.

    München: Kösel 1999, 151 S. (mit 7 Handschriftenfaksimiles)
  • Winkler, Norbert: Meister Eckhart. Zur Einführung. Hamburg: Junius 1997

Teilweise zuerst erschienen in: Iserlohner Con-Texte Nr. 15 (ICT 15):
 Auf dem Weg zur Achtsamkeit. Iserlohn 1999, Online-Ausgabe 2009 , S. 73-74

Mystik/Eckhart, 26.04.06, neu bearbeitet, 11.12.2017